Kann es einen Materialismus geben, der nicht antideutsch ist?

Der folgenden Text ist der erste einer Reihe, die versucht Erfahrungen und Debatten wieder aufzubereiten, die von der Redaktion als zentral für die Entwicklung einer eigenständigen antideutschen Kritik gesehen werden. Dabei können wir nicht beanspruchen eine fertige Definition dieser Form der Kritik vorzulegen, stattdessen wollen wir in erster Linie zur (erneuten) Auseinandersetzung mit ihr und ihrer Entstehungsgeschichte anregen.1 Den Anfang bildet die Aufbereitung und Kontextualisierung einer Debatte, die 2002 auf und um den Kongress antideutsche Wertarbeit2 zwische Ulrich Enderwitz und Gerhard Scheit geführt wurde und sich mit der Frage befasst:

Kann es einen Materialismus geben, der nicht antideutsch ist?“ 

Der Antideutsche ist sich seiner selbst als Kommunist so sicher, daß es ihm egal ist, ob ihm Linke ein Paktieren mit dem Klassenfeind vorwerfen, wenn er den Krieg der USA gegen den Irak im besonderen und gegen den islamfaschistischen Terror im allgemeinen aus sehr triftigen, weil antideutschen Gründen begrüßt und würdigt (und kritisiert, wenn dieser nicht entschieden genug geführt wird). Er tut dies schließlich auch aus ureigenstem Interesse, denn er weiß, wie übrigens jeder Linke auch – nur gibt der das nie offen zu –, daß sein Überleben als Kritiker und Kommunist davon abhängt, daß die Deutsche Ideologie und deren Praxis nicht doch noch über die liberale den Sieg davon trägt.

Manfred Dahlmann3

Die intellektuelle Frechheit dieser jüngsten Zivilisationskrieger und Kreuzritter des Abendlands geht so weit, daß sie ihre bedingungslose Kapitulation vor der herrschenden Ordnung als besondere dialektische Raffinesse verkaufen wollen. Indem sie die dümmsten Hühner des restlichen autonomen und Antifa-Spektrums zu ideologischen Kindersoldaten der NATO umschulen, machen sie sich verdient um das weltdemokratische Imperium, möchten aber gerade diese Arbeit an der Affirmation als „antideutsche Wertarbeit“ zur einzig wahren Wertkritik adeln, deren Begriff sie damit besudeln. In ihrer Orwellschen Sprache ist es geradezu der Gipfel der Radikalität, US-Kampfbomber aufklärungs-frömmlerisch zu segnen. Mit dieser Rabulistik können sie allerdings nur eine Handvoll hinterwäldlerische, theoretisch ungebildete Desorientierte blenden, die mangels eigenständiger Denkfähigkeit auf der Suche nach Identität und Distinktion um jeden Preis sind.

Robert Kurz4

I – das Streitgespräch:

Eingangs eine Klarstellung: wir sehen es als die Aufgabe positivistischer Historiker, offen zu legen, was wirklich geschah. Wann wer sich mit welcher Anmerkung zu Wort gemeldet hat und wer daraufhin was erwidert haben soll. Der folgende Beitrag möchte stattdessen einen Teil des historischen Materials in einer Weise darlegen, die es den Lesenden ermöglicht, verschiedenen Aspekte der Fragestellung nachzuvollziehen und so einen Beitrag zur Kritik ohne Jargon, Szenecodes und politischen Abwägungen leisten.

Direkt zu Beginn des Streitgespräches möchte Ulrich Enderwitz klarstellen, dass sein Buch Volksstaat und Antisemitismus5 für ihn persönlich nicht seine wichtigste Veröffentlichung darstellt. Für den Rahmen des Streitgespräches muss es allerdings als zentral erachtet werden. Dort demonstriert er, Joachim Bruhn zu Folge „daß der blinde Fleck der marxistischen Theorie in Sachen Antisemitismus unmittelbar ihren Halluzinationen vom »sozialistischen« oder gar »proletarischen Staat« geschuldet ist: Keine revolutionäre Praxis wird dem Antisemitismus gerecht werden können, die nicht Kapital- und Staatskritik in einem wäre und so der Intention der Kritik der politischen Ökonomie entspräche.“6

Hier spitzt Enderwitz die Analysen von Heinz Langerhans zu, indem er den Antisemitismus als Bedingung der Möglichkeit, für die von Langerhans beobachtete soziale Pazifizierung, erachtet. Letzterer beschrieb, 1934 in nationalsozialistischer Haft auf Zigarettenpapier, wie aus dem „automatischen Subjekt Kapital mit dem Garanten Staat als besonderem Organ“7 nun das „einheitliche Staatssubjekt Kapital geworden“8 sei. Dies gehe mit einer „rücksichtslose[n] soziale[n] Pazifierungsaktion mit dem Zweck der »organischen« Einfügung des Kapitalteils Lohnarbeit in den neuen Staat“9 einher. Durch den Antisemitismus trete, laut Enderwitz, „an die Stelle der Wirklichkeit, auf die er mit seinen Urteilen primär reagiert, eine Ersatz- und Alibirealität“,10 durch welche das vermeintlich revolutionäre Subjekt das Objekt seiner Frustration wechselt: Antisemitismus anstatt Kritik am Kapitalverhältnis.

Im Programm des Kongress beharrt er darauf, dass diese von ihm untersuchte nationalsozialistische Vergesellschaftung „eine logische oder jedenfalls krisen- beziehungsweise notstandslogische Konsequenz des repräsentativ-demokratischen Kapitalismus ist“11 und nur „als eine durch die besonderen Umstände Deutschlands begünstigte frühe Ausbildung oder Vorform einer der kapitalistischen Entwicklung insgesamt eingeschriebenen Rezeptur gelten kann“.12 Er sieht somit keine qualitativen Unterschiede „zwischen liberalistisch operierendem und nationalsozialistisch organisiertem Kapital, zwischen oligarchischer Demokratie und Faschismus, zwischen Angelsachsen und Teutonen“.13

Im Gegensatz zu seinem Diskussionspartner, Gerhard Scheit. In seinem bereits 2001 veröffentlichten Buch die Meister der Krise14 zieht dieser aus den enderwitzschen Analysen eine Konsequenz, zu der letzrere nicht bereit ist. Er hebt das explizit deutsche am deutschen Volksstaat hervor. Er erarbeitet dabei einen Begriff vom deutschen Volk als ein Staatsvolk, das in einer speziellen historischen Konstellation zu einer besonderen Nation fetischisiert wurde und dabei eine bestimmte Form des notwendigen falschen Bewusstseins hervorbrachte: die deutsche Ideologie.

An der Grenze zwischen dem Westen, wo die sogenannte ursprüngliche Akkumulation – von absolutistischem Staat und Kolonialsystem flankiert – in eine ausgeprägte bürgerliche Gesellschaft münden konnte, und dem Osten, wo der militärisch von außen wirksame Druck dieser Akkumulation den Aufbau von Staatsmaschinen ohne entsprechende ökonomische und koloniale Grundlage erzwang, hier in der Mitte entstand so etwas wie ein Konzentrat des Ganzen, ein Mikrokosmos der kapitalisierten Welt, in dem sich die moderne Barbarei des Westens mit der vormodernen des Ostens verbunden hat.“15

Die Nähe zu den Erkenntnissen in Volksstaat und Antisemitismus werden dabei während der Diskussion mehrmals betont. Deren Stärke liegt in der Verknüpfung von staatskritischen Untersuchungen im Geiste eines Langerhans mit der Kritik des Antisemitismus der kritischen Theorie.16 Was Adorno, Horkheimer und auch Enderwitz jedoch, trotz aller richtiger Einsicht über die Harmonisierung der Gesellschaft durch Antisemitismus, nicht zu sehen bereit waren:

Nirgendwo aber – und vor dieser Erkenntnis schreckten Horkheimer und Adorno wirklich zurück – stellte sich diese Harmonie so automatisch her wie im Dritten Reich. Hier identifizierte sich die Bevölkerung nahtlos mit dem Staatssubjekt Kapital, hier praktizierte man bis zum Äußersten die Versöhnung von Kapital und Arbeit. Diese Identifikation aber war nur möglich, weil das Real-Abstrakte, das die Individuen stets auf den Warencharakter ihrer Arbeitskraft zurückwarf, der Wert, der bei aller Verstaatlichung von Kaufkraft und individueller Reproduktion, bei aller ‚Kraft durch Freude‘ und Arbeitsdienst-Laune nach wie vor seinen Tribut verlangte, – weil dieses Real-Abstrakte des Werts in Gestalt des Judentums personifiziert und das wirkliche Judentum als Personifizierung des Abstrakten von Staats wegen nicht nur verbannt, sondern vernichtet wurde. So ‚konkretisierte’ sich die deutsche Volksgemeinschaft des Dritten Reichs. Ohne das totale Feindbild der ‚Weltverschwörung des Judentums‘, das – in den Vernichtungslagern in die Tat umgesetzt – die Volksgemeinschaft bis zuletzt zusammenschweißen konnte, wäre dieser Krieg nicht zum ‚totalen Krieg‘ geworden, nicht bis zur letzten Konsequenz vom Dritten Reich führbar gewesen. Die Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Juden war es, die jener Identität der Deutschen mit ihrem Staat zugrunde lag und sie bis zuletzt – und darüber hinaus – garantierte.17

Gegen diese Kritik an den deutschen Besonderheiten, die sich auf Erkenntnisse von Enderwitz beruft, wehrt dieser sich, denn die Kritik nationalstaatlicher Spezifika lasse sich nicht mit einer Kritik an Wert und Kapitalverhältnis vereinen. Er möchte bereits im Programm die möglichen Positionen vorweg nehmen, wenn er schreibt:

Entweder dieser deutsche Faschismus bleibt ein Sonderphänomen, seine ‚Implementation‘, wie man neudeutsch zu sagen pflegt, ein Sonderweg der Deutschen; dann muß man sich, um ihn zu verhindern, auf die Seite des ‚normalen‘, liberalistischen Kapitalismus als des herrschenden und den deutschen Sonderweg allein zu verbauen fähigen Allgemeinen schlagen. Oder dieser deutsche Faschismus ist – wie ja durch die These von der tendenziellen, wo nicht gar notwendigen Faschisierung des Kapitalismus nahgelegt wird – der maßgebende Wechsel auf das Schicksal des Kapitalismus ganz allgemein, der Vorgriff auf die Zukunft aller Gesellschaften, in denen kapitalistische Produktionsweise herrscht; dann hat man in vexierbildlicher Wiederaufnahme der Rede vom deutschen Wesen, an dem die Welt genesen wird, und des darin kodifizierten Größenwahns Deutschland zur schlechthin schicksalsträchtigen Nation, zum ‚Meister der Krise‘ oder besser gesagt zum ‚Tier der Apokalypse‘ erklären.“18

Dieser falschen Polarisierung zwischen Kritik am allgemeinen Kapitalverhältnis und besonderer deutscher Vergesellschaftung geht Scheit, ebenfalls in der Programmankündigung, bewusst aus dem Weg:

Der Wert ist immer und überall derselbe – mit sich selbst absolut identisch (Differenz ist allein quantitativ möglich); und er kann überhaupt nur als diese absolute Identität auf den Begriff gebracht werden. Der Staat entspricht zwar seinerseits solcher realen Abstraktion und ist insofern immer und überall der gleiche; untrennbar davon aber – also gerade in seiner Allgemeinheit – läßt er sich nur als ganz bestimmter begreifen, das heißt: im Zusammenhang, in dem er mit seinesgleichen steht und worin er sich unterscheidet. So ist es ein- und dasselbe Kapitalverhältnis, das überall in die Krise gerät, doch gerät es überall auf je verschiedene Weise in die Krise – und darüber entscheidet nicht zuletzt, welches Bewußtsein von Krise und Krisenbewältigung das Verhältnis zum Staat bestimmt und die Menschen zur Nation formiert.19

Wie in der Diskussion, aber auch im Laufe der weiteren Entwicklung des ISF und des ça ira-Verlages deutlich wird, verweigern sich Scheit und der ISF einer Dichotomie aus traditioneller linker Kapitalismuskritik und vermeintlich neokonservativer Kritik am deutschen Wesen und beantworten die Frage, ob es einen Materialismus geben könne der nicht antideutsch sei, mit einem klaren Nein. Diesen Widerspruch gegenüber Kommunisten, die von antideutscher Kritik nichts wissen und Antideutschen, die von kommunistischer Kritik nichts wissen wollen, wurde im Antideutscher Katechismus benannt:

Die Emanzipation des Deutschen ist die des Menschen, lehrte einst ein Kommunist und wir pflegen sehr buchstabengläubig zu sein, was unsere Klassiker angeht. Der Kraftaufwand, der nötig ist, um die Konterrevolution auf dem Boden der sie hervorbringenden Verkehrsformen zu stoppen, ist ähnlich dem zur Aneignung der großen Industrie. Deshalb muß Beides in Eins fallen. Wenn die USA solange das Schlimmste verhindern, gewährt uns das die dringend benötigte Zeit, unseren historische Auftrag wieder aufzunehmen und die klassen- und staatenlose Gesellschaft zu erkämpfen, bzw. das zuwege zu bringen, was Sie schüchtern und Hegelsch die Aufhebung der Warenform nennen.20

II – Ein Begriff, der schmerzt:

Eines der herausragendsten Mitglieder des ISF, der langjährige politische Wegbegleiter und im letzten Jahre verstorbener Freund Scheits, Manfred Dahlmann, bestimmte antideutsche Kritik im Bewusstsein oben dargelegter Debatten, als er schrieb:

Antideutsch denken und handeln heißt die politischen Vermittlungs- und Repräsentationsformen in Gesellschaft und Staat, die auf der Trennung von freien und gleichen Warenbesitzern einerseits und am Allgemeinwohl orientierten Staatsbürgern andererseits beruht, gegen die zu verteidigen, die diese Teilung zugunsten eines autoritären Volksstaates überwinden wollen, dessen Subjekte von nichts anderem als von seinen Wohlfahrtsleistungen abhängig sind. Wer in diesem Sinne das Etikett ‚antideutsch‘ nicht auch auf sich bezieht, mißachtet zumindest die Gefährlichkeit der – selbstredend nicht auf Deutschland und deutsche Staatsbürger beschränkte, sondern immer schon weltweit grassierende – Deutschen Ideologie, deren historischer Kern darin besteht, daß auf ihr Konto nicht nur ‚normale‘ kapitalbedingte Ausbeutung und Herrschaft, nicht nur die dem Kapital aus Prinzip immanenten Kriege und nicht nur der ihm in seinen Grund eingeschriebene Antisemitismus gehen, sondern fördert das Überleben einer Ideologie, der zudem noch die historisch und empirisch nicht zu leugnende Tatsache eingeschrieben ist, daß die deutsche Fassung der Beziehung von Staat und Gesellschaft die Auslöschung der Menschheit in zwei Weltkriegen im allgemeinen und den eliminatorischen Antisemitismus im besonderen beinahe total verwirklicht hätte.21

Die Konsequenz aus dieser Kritik der deutschen Ideologie ist nach dem 11. September 2001 (sofern deutsche Ideologie nicht geographisch essentialisiert werden soll), neben der selbstverständlichen Solidarität mit dem jüdischen Staat22 auch eine partielle Zustimmung der US-amerikanischen Politik. Als Antwort auf ein diesbezüglichen Komunique der ISF formulierte Enderwitz einen offenen Brief, aus dem einige Passagen sich in seiner Programmankündigung wiederfinden lassen. Der offene Brief ist Teil der Vorgeschichte des Streitgespräches.23 Dort kritisiert er die von der ISF formulierten Positionen zu Israel und den Vereinigten Staaten (und damit auch zum bürgerlichen Staat), deren Grundlage, die im Streitgespräch behandelte Frage nach den deutschen Besonderheiten ist. Allen voran an eine „Eloge auf den amerikanischen Kapitalismus, zu dem Ihr ansatzweise anhebt, auch wenn Ihr es schamhaft bei Andeutungen belasst“24 und die für ihn damit zusammenhängende Weigerung, den Islamismus als „ein ,Geschöpf’ der westlichen Zivilisation”25 zu sehen, das „die Gewalt und den Terror in anarchistisch entstellter Gestalt dorthin zurück“26 trägt, wo sie ihren Ursprung nahm.

Damit nimmt er eine Konkretisierung der abstrakten kapitalistischen Gewalt auf den geographischen und politischen Westen vor, anstatt (was Anspruch von Wert- und Staatskritik sein sollte) in jedem Staat eine Konkretisierung dieser Gewalt zu sehen und ihre jeweiligen Spezifika aufzuzeigen. Ihm ist es daher nicht möglich, die Erkenntnis der Unterschiede in den Spezifika der einzelnen Konkretisierungen zu betrachten. Jeder daraus folgende positive Bezug auf die (Kommunisten wenigstens ein Leben ermöglichende) bürgerliche Freiheit muss für ihn als „Eloge auf den amerikanischen Kapitalismus“ verstanden werden. Das eigentliche Anliegen antideutscher Kritik kann, dieser durch 68 aktualisierten Rezeption der Imperialismus-These folgend, nicht begriffen werden. Die ausführliche Antwort von Dahlmann auf Enderwitzens Brief versucht deshalb nicht nur, die aus dieser Rezeption folgende Kritik zurückzuweisen. Dahlmann muss „etwas tiefer in dieses deutsch-linke Denken eindringen“,27 um darzulegen, dass „die Absage an diese Tradition in meinen Augen sehr viel radikaler erfolgen muß, als das mir bei dir [Enderwitz] der Fall zu sein scheint.“28

In Reaktion auf diese greift Dahlmann nicht zur bloßen Gegen-Affirmation. Dies würde bedeuten, alles zu gutieren, was von den 68ern abgelehnt wurde:

Nicht einmal ein Antideutscher […] reinsten Wassers wird bestreiten, daß der Kampf der Studentenbewegungen in der westlichen Welt in den 60er- und 70er-Jahren gegen den Krieg der USA in Vietnam vollkommen berechtigt war und jede Unterstützung verdient hatte. Von heute aus zeigt sich jedoch, daß die damaligen Begründungen des Protestes alles andere als unschuldig zu nennen sind, sondern zum Großteil dermaßen völkisch, und damit hirnverbrannt deutsch daher kamen […] und in der Folge auch nie umfassend revidiert worden sind, daß man sich nicht zu wundern braucht, wenn diese Begründungen – etwa was die Reaktion der USA auf den Anschlag auf das WTC betrifft –, umstandslos weiterhin in der Linken vorgebracht werden und sie das unausgesprochene Paradigma der Linken in Deutschland abgeben, sobald diese sich anschickt, das zu kritisieren, was sie für Kapitalismus, Imperialismus, Unterdrückung überhaupt, hält.29

Das Festhalten an der Abstraktheit und Allgemeinheit des Kapitalverhältnisses ist auch ein Festhalten daran, dass es sich in verschiedenen historischen Konstellation auf je spezifische Art und Weise konkretisiert. Dieses Festhalten heißt zu erkennen, dass es während des Vietnamkrieges innerhalb der USA möglich war, „auf den Widerspruch, den es macht, als Führungsmacht der freien Welt und Hort der Zivilisation aufzutreten, in der Praxis aber eben diese Grundsätze mit Füßen zu treten“30 zu verweisen. Denn, anders als in Deutschland, repräsentierte die USA „nie eine in einer Massenbewegung verankerte, insbesondere die Arbeiterklasse in die Volksgemeinschaft einbindende Gesellschaft, die vom Prinzip her antikapitalistisch nicht nur agitiert, sondern auch insoweit agiert, als sie die Ausschaltung/Kontrolle der innerstaatlichen Konkurrenz als Allheilmittel der Krisenüberwindung ansieht.“31

In den Erklärungen von Enderwitz hingegen spiegelt sich das linke Unverständnis über die Dialektik von Zivilisation und Barbarei und der zwischen dem allgemeinem Kapitalverhältnis und seiner besonderen Erscheinungsformen wieder. Es war, an diese anknüpfend, das Weitertreiben der materialistischen Kritik an den deutschen Zuständen, die Einsichten über die Nähe von islamistischem Fundamentalismus zur deutschen Ideologie und die von Dahlmann erklärte Erkenntnis, „der exstierenden Unvernunft mit einem gehörigen Schuß Pragmatismus, der sich historisch begründet und an den tatsächlich gegebenen Machtverhältnissen orientiert, zu begegnen“32, die dazu beitrugen, eine genuin antideutsche und kommunistische Kritik zu entwickeln. Gerade die Selbsterhaltung als Bedingung der Möglichkeit der Abschaffung des Kapitalverhältnisses betrachtend, wird deutlich, dass „unter den gegebenen Bedingungen eine öffentliche Parteinahme für die aktuelle Politik der USA und Israels gegen Deutschland notwendig wird”33 Notwendig für eine Kritik, die dennoch hofft,

daß eine Verständigung noch möglich ist, die aus meiner Sicht im Kern auf das Einverständnis hinaus laufen sollte, daß ein Gemeinmachen mit der real existierenden deutschen, sich mit dem Kampf des palästinensischen Volkes identifizierenden Linken, […] schlicht als konterrevolutionär zu bezeichnen ist. Diese Linke in Deutschland, die dem völkischen Sezzessionswahn immer näher stand als den auf der Basis kapitalistischer Vergesellschaftung nicht einzulösenden Versprechen der bürgerlichen Revolution, steht auf der Seite der Reaktion, genauer: Regression, und dürfte für die Kritik sogar als Gegenstand verloren sein.34

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1 Unter dem Namen: Kritik der Traditionen und Traditionen der Kritik werden in den nächsten Wochen insgesamt vier Aufsätze erscheinen, die versuchen eine Art Einführung in die antideutsche Kritik zu liefern. Einführung möchten wir dabei jedoch nicht im akademischen Sinne verstanden wissen, wo die grundsätzlichen Begriffe erarbeitet werden sollen, um sie in den eigenen Theoriebaukasten aufnehmen zu können, mittels dessen Hilfe man sich und seinen Dozierenden die Welt begreifbar macht. Im Unterschied zur Theorie existiert Kritik nur als permanent zu erneuernde Verneinung, die von jedem selbst aktiv vollzogen werden muss. Dementsprechend können diese Einführung nur die Denkrichtung einer Kritik andeuten.

2 Der Kongress wurde von der Initiative Sozialistisches Forum über Ostern im Jahr 2002 veranstaltet und ist vollständig als Audiomittschnitt erhalten. Das Audioarchiv stellt dankenswerter Weise die Aufzeichnung des gesamten Kongress zur Verfügung: http://audioarchiv.blogsport.de/2012/12/30/antideutsche-wertarbeit/ // Ein Bericht mit O-Tönen von der Veranstaltung findet sich hier: https://www.freie-radios.net/973 // Das gesamte Programm ist hier einsehbar: https://www.ca-ira.net/verein/positionen-und-texte/isf-wertarbeit_kongress-cd/

3 Dahlmann, Manfred: Antideutsch. Online einsehbar: https://www.ca-ira.net/verein/positionen-und-texte/dahlmann-antideutsch/

4 Kurz, Robert: die Jubelperser der Weltpolizei. Online einsehbar: https://www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=schwerpunkte&index=7&posnr=79&backtext1=text1.php

5 Erhältlich im, dem ISF angehörenden, ça iraVerlag: https://www.ca-ira.net/verlag/buecher/enderwitz-antisemitismus/

6 Siehe: https://www.ca-ira.net/verlag/rezensionen/enderwitz-antisemitismus_rez-bruhn/

7 bis 9 Langerhans, Heinz: die nächste Weltkrise, der zweite Weltkrieg und die Weltrevolution. Online einsehbar: http://theoriepraxislokal.org/imp/pdf/Langerhans.pdf

10 Im Vorwort zu: Enderwitz, Ulrich: Volksstaat und Antisemitismus, Freiburg, 1998. Online einsehbar: https://www.ca-ira.net/verlag/leseproben/enderwitz-antisemitismus_lp/

11 bis 13 Aus dem Programm zum Kongress. Siehe Fußnote 2.

14 Erhältlich im ça iraVerlag: https://www.ca-ira.net/verlag/buecher/scheit-meister/

15 Seite 12. Scheit, Gerhard: Die Meister der Krise, Freiburg, 2001.

16 „Und noch die fortgeschrittensten Theorien aus dem Umkreis der Kritischen Theorie teilen mit dem proletarischen Dogma die, wenn auch ökonomiekritische, Fixierung auf Gesellschaft: weder bei Theodor W. Adorno noch bei Detlev Claussen gerät der »geschäftsführende Ausschuß« der kapitalistischen Klasse, der Staat, ins Blickfeld. Hier setzt Ulrich Enderwitz’ Essay Antisemitismus und Volksstaat. Zur Pathologie kapitalistischer Krisenbewältigung an.“ zitiert nach: siehe Fußnote 6.

17 Scheit, Gerhard: Totalitärer Staat und Krise des Kapitals. Online einsehbar: http://www.gerhardscheit.net/pdf/TotalitaererStaat.pdf

18 & 19 Aus dem Programm zum Kongress. Siehe Fußnote 2.

20 Assoziation antideutscher Kommunisten ça ira: antideutscher Katechismus. Online einsehbar: https://antideutsch.org/2018/05/16/antideutscher-katechismus/

21 Dahlmann, Manfred: Antideutsch. Siehe Fußnote 3.

22 Bereits 1991 legte Bruhn diesbezüglich die Position des ISF in der Diskussion mit Thomas Ebermann dar. Online einsehbar: https://www.ca-ira.net/wp-content/uploads/2018/06/bruhn-golfkrieg.linke_.tod_-1.pdf

23 bis 26 Enderwitz, Ulrich: Quo Vadis ça ira. Online einsehbar: https://www.ca-ira.net/verein/positionen-und-texte/enderwitz-quo-vadis/

27 bis 34 Dahlmann, Manfred: Antwort auf Enderwitzens Quo Vadis ça ira. Online einsehbar: https://www.ca-ira.net/verein/positionen-und-texte/dahlmann-antikritik-enderwitz/

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