Antideutsche Identitätskrise (Leser:innenbrief)

Anlässlich des 30ten Jahrestages der Wiedervereinigung und des antinationalen re:kapitulation Kongresses veröffentlichen wir einen Leser:innebrief aus diesem Frühjahr (nach Erscheinen unseres Artikels im Distanz Magazin). Wir sind der tiefsten Überzeugung, dass es fatal wäre die Kritik der deutschen Nation den Antinationalen zu überlassen, wissen aber zugleich um die gegenwärtige Unfähigkeit der potenziellen antideutschen Kritiker:innen. Wir haben uns aus diesem Grund entschieden uns erst einmal nicht weiter zur Thematik zu äußern und damit weiter zu machen, was wir am besten können: Kritik der Tradition und Tradition der Kritik.

Sehr geehrte Redaktion antideutsch.org,
wir geben zu, wir sind nach wie vor mehr als nur skeptisch was euer Vorhaben angeht, den Faden der „antideutschen Kritik“ wieder aufzugreifen und weiter zu treiben. Wir müssen uns aber auch eingestehen, dass wir mit dem was ihr bisher versucht habt als eure „antideutsche Kritik“ zu umreißen – insbesondere dort wo ihr versucht an die Kritik der linken Bewegungen eines Wolfgang Pohrt oder der Kritik des Arbeitermarxismus von Joachim Bruhn anzuknüpfen – doch mehr anfangen können, als uns das selbst lieb ist.

Wir wollen euch die Details unseres Werdegangs ersparen und auch keine identitäre Selbstbestimmung vornehmen – oder gar Sprechortposition einnehmen. Zum Verständnis der folgenden Zeilen ist es vielleicht dennoch hilfreich, wenn wir versuchen die Tradition unserer Kritik offen darzulegen. Als loser Zusammenschluss können wir eine temporäre Zugehörigkeit – was auch immer das am Ende, abseits von individuellen Identitätsbedürfnissen, heißen mag – in den meisten Erscheinungen dessen, was nach 1990 als antideutsch galt, vorweisen. Sei es als Teil von Politgruppen oder Lesekreisen, als leidenschaftliche Leserinnen der einschlägigen Szenepublikationen, Besucherinnen und Diskutantinnen auf unzähligen Vorträgen und Konferenzen. Gemeinsam ist uns, dass uns allen – wenn auch auf ganz individuelle Weise – das antideutsche Festhalten am Existenzialurteil der kritischen Theorie (oder: das Festhalten am Existenzialurteil, dass uns zu Antideutschen machte) zum privaten Verhängnis wurde.

Obwohl die Rede davon, dass alle Verhältnisse umzuwerfen seien in denen die Spaltung der Gattung fortbesteht, mittlerweile zur ritualisierten Phrase verkommen ist, die man vor sich hinbetet, bevor man dann doch seinen Frieden mit dem falschen Ganzen macht und Karriere in Politik oder Akademie anstrebt, hat sie nichts an ihrer Wahrheit oder Aktualität verloren. Im Gegenteil: allein durch die nicht begründbare Verranntheit in sie, ist es überhaupt möglich die Momente zu erkennen, in denen sie zur Phrase wird. Anders als es die zahlreichen ehemaligen Weggefährtinnen von uns behaupten werden, hatten wir nie die Absicht Recht zu haben – sondern wurden von der Hoffnung getrieben, widerlegt zu werden. Hinter dem von uns zeitweise angenommenen Begriff „antideutsch“ sollte zu keinem Zeitpunkt mehr stecken, als das Festhalten am Kommunismus gegen diejenigen, die sich trotz ihrer Kompromissbereitschaft mit der falschen Gesellschaft selbst zu Kommunistinnen machten, irgendwie begrifflich zu fassen. Doch jenes Wörtchen taugt eigentlich nicht mehr als Platzhalter für diesen Begriff – das wisst ihr wahrscheinlich besser als wir.

Wenn es stimmt, dass sie Erschlagenen durch das Vergessen ein zweites Mal erschlagen werden – und wir wüssten nicht womit sich diese Feststellung widerlegen ließe – dann werden sie nicht durch Identifikation mit ihnen plötzlich wieder lebendig. Die tragisch gescheiterten Versuche, das Einfache das schwer zu machen ist zu verwirklichen, können nur als Farce wiederholt werden. Die historische Möglichkeit sich als Revolution zu bewahrheiten lässt sich nicht beliebig reproduzieren. Beim Leninismus wird nie etwas anderes herauskommen als autoritärer Staatssozialismus, der mit seinem Versuch den Staat gegen das Kapital in Stellung zu bringen beide Verhältnisse manifestierte und die Kritik an ihnen zur Legitimationsideologie verkommen lassen muss. Wie bei den anderen linken Zerfallsprodukten ist sein Scheitern zu akzeptieren, um seine utopischen Momente nicht auf dem Müllhaufen der Geschichte zu entsorgen oder – was das gleiche ist – zur Kohle der Lokomotive der Geschichte des Fortschritts werden zu lassen.

Gemeinsam ist all den gescheiterten Versuchen ihre mangelnde Treue zu besagtem kategorischen Imperativ – was sicherlich meistens erst im historischen Rückblick klar erkennbar ist. Erst als Emma Goldman nach den Ereignissen des Oktobers 1917 in die Sowjet Union reiste und die Gegenwart nach der angeblichen proletarischen Revolution sah, konnte sie die Oktoberrevolution selbst kritisieren. Eine derartige Kritik halluziniert sich dem zu Folge nicht ins Cockpit der Weltgeschichte und erörtert, was 1917 hätte anders gemacht werden müssen, sondern hält das Scheitern in seiner grausamen Brutalität fest. Analoges gilt für all die kleinen und großen Streitigkeiten innerhalb dessen, was wir im vollsten Bewusstsein aller internen Verwerfungen, als kommunistische Bewegung bezeichnen.

Das Wörtchen „antideutsch“ war ein passendes Label, um nach dem Jahr 1990 die unzähligen blutigen Niederlagen des kurzen zwanzigsten Jahrhunderts und ihre Gründe auf den Begriff zu bringen. Es war wichtig und richtig nach dem Ende der Nachkriegszeit auf das sich ständig perpetuierende Scheitern vom 30. Januar 1933 und Auschwitz als seine bisher ohne Vergleich gebliebenen Folge zu reflektieren. Die schon oben erwähnten Joachim Bruhn und Wolfgang Pohrt haben genau das geleistet – das gilt es zu bewahren. Doch in der Gesellschaft der Kulturindustrie – die sich nicht auf Kunst beschränken lässt, sondern nur als Totalität und (bis zu ihrer Abschaffung) unvermeidliches Schicksal aller dem falschen Ganzen widerstrebenden feinen Dinge verstanden werden kann – verschwimmen die Unterschiede zwischen Vergessen und Kulturalisierung, wovon die Meterware des Marxismus Zeugnis ablegt. Der Kampf gegen das Vergessen mit den Mitteln der Kulturindustrie – und wenn wir von ihr Sprechen gehen wir auch von ihrer Totalität aus – ist ein Kampf gegen Windmühlen. Oder anders gesagt: in der subkulturellen Szene hat sich die Kritik zur Ware verhärtet und die Erschlagenen Kritiker werden im Gedenken an sie ein zweites Mal erschlagen.

Wenn Antideutsche von einem zu wenig an Staat und dem Verlust der vermittelten bürgerlichen Souveränität an den angeblich unmittelbaren islamischen Gegensouverän faseln, weil die physische Präsenz der Staatsmacht nicht mehr vorhanden sei oder das Patriarchat für beendet erklären, weil die christlich-abendländische Kultur im Vergleich zur islamischen Religion der Frau mehr Freiheiten in der Sphäre der Reproduktion gibt, dann ist ihnen die gleiche Untreue am kategorischen Imperativ vorzuwerfen wie dem Leninismus. Sie verlieren die negative Totalität der falschen Gesellschaft aus dem Auge, wägen ab und fangen an politisch zu denken. Sie vergleichen Religionen als in sich geschlossene Subsysteme – klassisch-idealistisch auf der Basis ihrer Schriften (!) – miteinander oder halluzinieren sich den Gegensouverän als autonome Bedrohung, gegen die es sich abzuschotten gilt, anstatt diese als jeweils verschiedene Ausdrücke des Verhältnisses von Staat und Kapital zu begreifen. Weil sie die Totalität nicht mehr denken, können sie auch nicht mehr nach ihrer Umwerfung und Abschaffung streben. Wer wüsste besser als ihr, dass Antideutsche oder Ideologiekritikerinnen dies tun. Die folgerichtige Konsequenz daraus wäre, dass man Antideutsche als ebenso gescheiterte historische Erscheinungen ansieht wie Leninisten.

Doch wir müssen euch zustimmen, wenn ihr nun argumentiert, dass das eben dargestellte keine „antideutsche Kritik“ sein kann, sondern nur die Theorieproduktion von Leuten, die sich das Label geben und wir müssen euch auch weiter zustimmen, wenn ihr uns darauf aufmerksam macht, dass die spezifischen historischen Bedingungen der antideutschen Kritik – die Zeit nach der Nachkriegszeit – weiter existieren und die „antideutsche Kritik“ der einzige Anknüpfungspunkt für deren Kritik ist, den wir im Moment haben. Waren wir uns zunächst sicher, dass wir euch euer Festhalten an diesem Label als identitären Kitsch kritisieren müssen (und das obwohl wir in der Sache kaum widersprechen können), so müssen wir uns nun die Frage stellen, ob nicht das Bedürfnis der Absage an dem und der Historisierung des Begriffs das größere identitäre Bedürfnis ist. Womit wir wieder am Anfang wären: Wir müssen uns eingestehen, dass wir mit dem was ihr bisher versucht habt als „antideutsche Kritik“ zu umreißen mehr anfangen können, als uns selbst lieb ist.

In diesem Sinne verbleiben wir fürs erste mit Skepsis und Zustimmung,
gezeichnet:
einige Kommunistinnen in der Identitätskrise.

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