Solarium @ Aktionswochen gegen Antisemitismus (Bremen)

06.11.2020 – Ingo Elbe: it`s not systemicAntisemitismus im postmodernen Antirassismus.
28.11.2020 – Zwischen Rationalität und EmotionenWorkshop zu Grenzen der antisemitismuskritischen Bildungsarbeit.
05.12.2020 – Männer gegen ModerneDiskussionsveranstaltung zu Antisemitismus im Deutschrap.

Ingo Elbe: it’s not systemic.
„An deutschen Hochschulen ist kein Platz für Antisemitismus“ titelt eine kürzlich publizierte Erklärung der Hochschulrektorenkonferenz. Doch nicht erst seit der Debatte um den postkolonialen Theoretiker Achille Mbembe stellt sich die Frage, ob ein „ehrbarer Antisemitismus“, wie Jean Améry ihn einst nannte, nicht längst ein fester Bestandteil – insbesondere der sich in postmoderner Weise antirassistisch artikulierenden – universitären Disziplinen geworden ist. In diesem von Michel Foucault, Edward Said oder Judith Butler inspirierten Diskurs findet sich nämlich ein systematischer Zusammenhang von begrifflicher Eliminierung des Antisemitismus, Relativierung des Holocaust, De-Thematisierung vor allem der islamischen Judenfeindschaft und Hass gegen Israel. Dieser akademische linke Antisemitismus beeinflusst auch den politischen Aktivismus, viele Medien und zivilgesellschaftliche Institutionen. Wird es in Deutschland eine ähnliche Entwicklung geben wie in den USA, wo die Black Lives Matter-Bewegung, muslimische Aktivistinnen im Rahmen der demokratischen Partei oder Women’s March-Führerinnen dem Antisemitismus das Label „progressiv“ verpasst haben?
Der Vortrag gibt einen Überblick über Faktoren, die das wichtige Anliegen der Rassismus-Analyse in eine postmoderne Weltanschauung verwandelt haben, die partiell gültige Aussagen unzulässig verallgemeinert, empirische Analysen durch starre Theorieschablonen ersetzt, inkonsistente, machtreduktionistische und kulturrelativistische Erkenntnistheorien zugrunde legt und über weite Strecken von volkspädagogischen Absichten und politischen Ressentiments geleitet wird.

Zwischen Rationalität und Emotionen
Antisemitismuskritische Bildungsarbeit befindet sich spätestens seit der Nachkriegszeit in einem Spannungsfeld. Lange wurde und wird sich in der politischen Bildungsarbeit auf die Vermittlung von Faktenwissen zur Bekämpfung von Ängsten und Vorurteilen fokussiert.
Neuere Ansätze versuchen die Wurzeln antisemitischer Gefühle und Handlungsweisen, welche den Gesellschaftlichen Verhältnissen entspringen, im Individuum zu suchen und diese durch eine Auflösung Emotionaler Konflikte zu Bearbeiten. Dieser Workshop soll einen Einblick in Vor- und Nachteile verschiedenster Bildungsansätze geben. Unter der Berücksichtigung Antisemitismus als Weltanschauung und Leidenschaft zu begreifen, soll gemeinsam mit den Referenten ein möglicher Rahmen für moderne emanzipatorische Bildungsarbeit erarbeitet werden. Der Grad der Partizipation des Publikums wird von den Herrschenden Covid-Regelungen bestimmt werden.
Workshop von Yevgen Bruckmann & Jasper Köster (Stiftung Liberales Judentum Hannover)

Männer gegen Moderne
Seit einigen Jahren hat sich Deutschrap nun als verkaufstärkstes Segment des für Jugendliche produzierten Teils der Kulturindustrie erwiesen. Schon Anfang der 2000er Jahre war dieser kommerzielle Aufstieg immer wieder mit heftigen Debatten über „Jugend gefährdende Inhalte“ verbunden, die auch im Jahr 2020 das Zeug dazu haben als Titelstory den Verkauf des Spiegels anzutreiben. Die publizistische Linke, zu denen sich die meisten der Hip Hop Journalist*innen irgendwie rechnen lassen, tut sich dagegen, seit Rap nicht mehr die Ausdrucksform von Sozialarbeiter*innen, sondern vor allem auch dem Milieu ihrer Klienten, ist, immer wieder schwer mit Deutschrap. Sie weiß, dass der bis heute stark migrantisch geprägte Deutschrap seine Wurzeln als Protestform der Schwarzen in den us-amerikanischen Ghettos besitzt und bis heute als Subjektivitäts-Angebot für Marginalisierte erscheint. Zugleich erscheinen Sexismus, Homophobie und Antisemitismus jedoch fest in der Szene verankert. Entrüstet stellte man, wie die ehemalige Rapperin Sookee, fest: „Rap war immer politisch, immer gegen Rassisten. Doch Statements mancher Rapper ähneln in Teilen den der Faschisten.“
Der subkulturelle Mythos und die Projektionsleistungen der Poplinken stehen dabei einer Kritik des Deutschraps im Weg. Zu gerne hält man daran fest, dass an einer Subkultur, die als Protestkultur entstanden ist und sich auch inhaltlich weiter derartig artikuliert, erst einmal nichts verkehrt sein kann. Doch wenn Subversion – wie Johannes Agnoli schreibt – immer in einem gegebenen Rahmen der objektiven gesellschaftlichen Formen stattfinden muss, dann kann es auch dem Rap und erst recht seiner deutschen Version nich gelingen, sich mittels Diskursgaunereien aus der Verantwortung zu stehlen. Eine kritischen Auseinandersetzung mit dem Gegenstand muss dem zu Folge darum gehen sein Aufkommen als Protestform ernst zu nehmen, ohne dabei zu verkennen in welche unbegriffenen Formen sich diese notwendigerweise verstrickt. Unter diesem Aspekt erscheint Deutschrap als riesiges Subjektivitätsprojekt: Männer gegen Moderne und Antisemitismus, Sexismus und Homophobie als unbegriffene Begleiterscheinungen.

Mehr Infos: http://aktionswochen.online/

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