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Katalysator der allgemeinen Beschissenheit.

Viel ist noch nicht bekannt über das Covid-19-Virus. Der statistischen Methode fehlen die dringend benötigten Relationsgruppen und die den Anforderungen der formalen Logik entsprechenden Versuchslaufzeiten.1 Die Überführung von qualitativen Merkmalen in quantitative Relationen ist die bevorzugte Art der instrumentellen Vernunft, die Welt zu erfassen (von Erfahren kann nicht mehr gesprochen werden). Kurz zu den wichtigen Fakten: Seit Anfang des Jahres breitet sich das neuartige Virus Covid-19 auf allen Kontinenten aus. Obwohl es „vor Corona“ bereits Pandemien gegeben hat, ist diese Pandemie wegen ihres totalen globalen Ausmaßes ein Novum. Der Globalisierung des Virus geht die spätkapitalistische Globalisierung des Marktes voraus und all der damit verbundene Kapital-, Waren- und dafür benötigten Warenhüterverkehr – schließlich können „die Waren nicht selbst zu Markte gehen und sich nicht selbst austauschen.“2

Entgegen der herrschenden Meinung ist das Ausmaß der Pandemie das einzige, was wirklich neuartig ist. Weder die von der einen Seite als apokalyptisch prognostizierte Wirtschaftskrise noch die von der anderen Seite als totalitär dargestellte autoritäre Verschärfung des staatlichen Handelns können als Neuheit begriffen werden. Dass zum Zweck der Aufrechterhaltung der Kapitalakkumulation Einschränkungen des Handels, der Bewegungsfreiheit oder des Demonstrationsrechts durchgesetzt werden, gehört zum kapitalistischen Normalbetrieb: „Die Tradition der Unterdrückten belehrt uns darüber, dass der ‚Ausnahmezustand‘, in dem wir leben, die Regel ist.“3 Wenn auch die Dimensionen neu sind, verweisen Handelsboykotte gegen andere Staaten, Ein- und Ausreiseverbote für Individuen aus bestimmten Herkunftsländern oder erteilte Ausgangssperren in Kriegs- beziehungsweise Krisenzeiten doch nur auf den zwischen allen Staaten permanent gegenwärtigen Konkurrenzzustand.

Sicherlich, auch die noch zu errichtende befreite Gesellschaft könnte unter einer derartigen Pandemie leiden. Eine Gesellschaft, in der die äußere und innere Natur nicht vom Menschen unterworfen wurde, sondern in symbiotischer Co-Existenz mit ihnen lebt; in der die Menschen selbst weder Untertanen noch bloße Mittel, sondern immer Zweck sind; eine Gesellschaft, in der jeder nach seinen Fähigkeiten produziert und nach seinen Bedürfnissen lebt; in der die Befriedigung der Bedürfnisse nicht mehr an die Warenform gebunden ist; in der schlussendlich keine Kosten/Nutzen-Abwägungen getroffen werden müssen, ob temporäre Einschränkungen des Verkehrs das Spielen mit Menschenleben wert sei; eine solche Gesellschaft erzeugt in einer solchen Situation weniger Leid. Das kann nur von jenen bestritten werden, die mit ihrem fetischisierten Bewusstsein zwischen brennenden Autos und brennenden Asylbewerberheimen keinen Unterschied mehr sehen wollen. Dass Staat und Regierung sich in solchen Krisenzeiten die Frage der Rentabilität stellen und der völlig widerlichen Logik dieser verkehrten Gesellschaft folgend stellen müssen, um nicht durch einen folgenden Konjunktureinbruch die Möglichkeiten der Selbsterhaltung für einen Teil der Bevölkerung aufzugeben, ist der himmelschreiende Skandal dieser Gesellschaft. Dieser kann erst dann abgeschafft werden, wenn „keinem Mensch mehr ein Teil seiner lebendigen Arbeit vorenthalten“4 wird.

Solange das nicht der Fall ist, bleibt den Entscheidungsträger*innen während einer Pandemie einzig die Wahl zwischen Abwarten, wie anfangs Großbritannien oder immer nochSchweden, und Notstandsrecht. In beiden Erwägungen tauchen Menschen nur als potenzielle Warenhüter auf. Die einzige Möglichkeit, in der eine solidarische Vernunft sich hier artikulieren kann, ist vermittelt durch staatlichen Zwang. Die einzige Form einer Achtung des Individuums ist die egoistische. An eine Versöhnung des Individuums mit der solidarischen Vernunft, an Verhältnisse, in denen das Wohl aller nicht gegen das Wohl einzelner ausgespielt wird, wird innerhalb dieser Debatte selbst in linksradikalen Medien nicht gedacht. Entweder klingen die Vorstellungen der befreiten Gesellschaft wie bürgerliche Vertragstheorien und propagieren, ein Zwang sei keiner, wenn er nur von allen akzeptiert wird – oder aber es wird vor lauter bohemistischem Individualismus ein antistaatliches Recht des Stärkeren formuliert. Fast so, als wäre der Zwang zur Verwertung und mit ihm das fetischisierte Bewusstsein magisch über Nacht verschwunden.

Deutschland – Weltmeister der Krise

Den aufmerksamen Beobachter*innen und Kritiker*innen der Weltpolitik wird es weder verwundern, noch dürfte es ihnen entgangen sein, dass die oben gestellte Frage für einen deutschen Staat keine Frage sein kann. Abwarten, das kann man in diesem Scheiszland ausgerechnet dann, „wenn im ganzen Schlamassel einmal etwas Vernünftiges geschieht und ein antisemitischer Diktator abgesetzt werden soll.“5 Was sich auf der individuellen Ebene der Subjektkonstitution als probates, alltägliches und deutsches Mittel zur Krisenlösung eignet, funktioniert im makroökonomischen Rahmen immer hervorragend: „[D]ie faschistische Flucht nach vorne.“6 Die „Diskussionsorgien“ (Merkel), die sich angeblich durch die deutsche Gesellschaft ziehen, ob der Staat die Maßnahmen, die zur Bekämpfung des Virus dienen, lockern oder festigen solle, finden in der Corona-Krise ihre nationalistische Synthese in einem als Soldaten gegen den Virus vorgehenden autoritären Charakter.7 Das enttarnt sich bei genauerer Betrachtung als der alte Streitpunkt zwischen dem als souveränistisch autoritär auftretenden Citoyen und der eigenen (Kapital-)Interessen verfolgenden Bourgeoise.

Den autoritären Charakter gibt es nach favorisierter Geschmacksrichtung und um sich selbst die gelungene nationale Synthese nicht eingestehen zu müssen: in der moralisch-individualistischen Bourgeois-Version und der staatstreu-citoyenistischen Blockwart-Edition.8 Dass es Christian Lindner nicht schnell genug gehen kann, bis wieder in gewohnter Art Kapital akkumuliert wird, heißt demzufolge nicht, dass er kein autoritärer Charakter ist – wenn das einige post-antideutsche und prä-materialistische Ideologiekritiker*innen mit einer Leidenschaft für die gewagte politische Parteinahme sicherlich anders sehen werden.

Die gesamte Grausamkeit der Welt des Kapitalverhältnisses wird in dieser Pandemie deutlich. Entgegen der verbreiteten Annahme, die Pandemie mache uns alle gleich und sehe keine Unterschiede, werden erst recht Klassengegensätze deutlich. Wessen Charaktermaske ist systemrelevant und kann dementsprechend in Krisenzeiten vollständig weiter Wert realisieren? Wer von denen, die es nicht sind, kann es sich leisten, seinen Job zu verlieren oder Zeitarbeitsgeld in Anspruch zu nehmen? Wer ist medizinisch genug abgesichert? Wessen psychische oder chronische Krankheiten werden weiter behandelt? Für wen ist das Zuhause ein sicherer Rückzugsort und keine menschengemachte Hölle, in der man mit gewalttätigen Familienmitgliedern eingesperrt wird oder bei völliger Missachtung aller hygienischen Empfehlungen mit über hundert anderen Menschen eingepfercht ist? Wie soll man „Zuhause“ bleiben, wenn man keines hat? Der einzige Lichtblick für diejenigen, die darauf angewiesen sind, dass sie die einzige Ware, über die sie verfügen – ihre eigene Arbeitskraft – verkaufen und dabei kaum genug zum Überleben rausschlagen können, ist, das Nikotin vielleicht vor Corona schützt und bei ihnen noch ein deutlich höherer Prozentsatz raucht, als bei jenen, bei denen das Mimikry an die Ware mittels Selbstoptimierung und Gesundheitswahn weiter fortgeschritten ist.

Die Unmenschlichkeit der sogenannten „Asylpolitik“ wird hierbei mehr als deutlich. Wenn die katastrophale Situation in den Lagern und an der europäischen Außengrenze vor lauter Corona-Statistiken und -Warnungen nur noch am Rande thematisiert wird, sollten diese Bildern all jenen, die sich trotz kapitalistischer Zurichtung einen Rest menschliches Mitgefühl bewahren konnten, allgegenwärtig sein. Der als „ausländisch“ empfundene Virus mobilisiert die rassistischen und protektionistischen Affekte. Grenzschutz wird plötzlich zum allgemein anerkannten Vernunftsgebot – bis die Urlaubssaison anfängt und man merkt, dass man auch selbst unter dieser Politik leidet. Was die souveränistischen Chauvinist*innen und ihre nationalistische Partei schon seit 2015 verkünden, scheint in Krisenzeiten auch in der sogenannten politischen Mitte anerkannt zu werden: An der Grenze stehen keine Menschen mehr, sondern nur noch „Fremde“ und deshalb unkontrollierbare „Wilde“, was sie mindestens zu potenziellen Krankheitserregern wenn nicht sogar zur menschgewordenen Seuche macht. Mit aller Kraft versuchen die europäischen Staaten deshalb ihre Grenzen zu sichern. Was für Studierende aus Bremen und Niedersachsen, die nun auf die illegalen heimischen Cannabisprodukte von geringerer Qualität angewiesen sind, wenn sie den Leistungsdruck in Kombination mit der Vereinzelung des digitalen Semesters allabendlich im sprichwörtlichen Rauch auflösen wollen, sicherlich ärgerlich ist. Und was, wenn nicht ein geeigneter und allgemein anerkannter Sündenbock zur triebökonomischen Abfuhr gefunden werden kann, spätestens in den großen Ferien zu kleinbürgerlichen Schlägereien mit genervten Familienvätern an den Grenzstationen führen wird. Aber das ist für den Menschen, der aus einem Kriegsgebiet flieht, um dann an der Grenze mit Tränengas und scharfer Munition zurückgetrieben zu werden, fast gleichbedeutend mit dem Tod.

In Krisenzeiten zieht es die deutsche Volksgemeinschaft vor, unter sich zu bleiben und die von ihr ausgehenden Probleme außerhalb der Landesgrenzen solange zu ignorieren, bis die südeuropäischen Staaten – wie in der durch Europäische Verträge und in der durch den inner-deutschen Niedriglohnsektor abgewehrten Finanzkrise 2011 – sich kaum noch über Wasser halten können. Diese desaströse Lage nutzt die europäische Zentralmacht gerne, um die Peripherie in eine finanzielle Abhängigkeit zu bringen und ihnen erneut heftige ökonomische Reformen aufzuzwingen. Dass diese ein Einschnitt in das oft durch Streiks hart erkämpfte Arbeitnehmer*innenrecht bedeuten, erklärt sich in Anbetracht des Führungsanspruchs eines Staates, in dem die Gewerkschaften Klassenbewusstsein durch Moral ersetzt haben und allen Ernstes während der größten Einschnitte in den Sozialstaat auf die Straße gehen, um den Bundeskanzler dafür zu bejubeln, dass er sich nicht an der militärischen Zerschlagung eines antisemitischen Regimes beteiligt, von selbst – von nicht bezahlten Nazischulden und unter den Tisch gekehrten Kriegsprofiten ganz zu Schweigen. Trotzdem inszeniert sich Deutschland als moralische Instanz und humanistischer Retter, wenn die Regierung jüngst voller Großmut beschloss, eine paar Waisenkinder aus Moria aufzunehmen. Am liebsten wären nicht nur Steffen Seibert junge Mädchen, die mit Mundschutz und angemessenem Sicherheitsabstand einmal gemeinsam mit der Kanzlerin in die Kameras lächeln dürfen, um dann anonymisiert im deutschen Lagersystem zu verschwinden.9

Während Deutschland also in der Corona-Krise weiterhin zuallererst an seine eigenen Interessen denkt und nur Politik für diejenigen seiner Bürger*innen macht, die in diesen Kalkulationen vorkommen oder symbolisch zur Sicherung der Harmonie abgespeist werden, kann die wortwörtliche Abschiebung der Probleme international als vorbildliche Krisenlösung inszeniert werden. Wenn Katrin Bennhold – Berliner Büroleiterin der New York Times – ihre Lobeshymne auf die deutsche Sonderrolle anstimmt und erklärt, „why the country’s Coronavirus death rate is low“, kann man sich als Vergangenheitsaufarbeitungsweltmeister*in erneut darin bestätigt fühlen, dass man nicht nur im besten aller Länder lebt, sondern auch im besten aller Systeme: Der sozialen Marktwirtschaft oder das, was von ihr noch übrig ist. Die verstärkte Besinnung auf Volk und Nation kann man symptomatisch auch in der Nachrichtenwelt feststellen, wo vor allem nationale Fallzahlen von Interesse sind.

Erfüllungsgehilfen staatlicher Souveränität

Dort, wo der starke Staat oder die Volksgemeinschaft nicht bereit oder nicht in der Lage dazu sind, Sicherheit zu schaffen oder zu suggerieren, wird diese Aufgabe von gegensouveränistischen Rackets übernommen, was der Umgang von Drogengangs in den brasilianischen Favelas mit der aktuellen Epidemie deutlich zeigt. Die Menschen dort, die in dieser Krise stärker von der religiös-autoritären Regierung im Stich gelassen werden als im Rest des Landes, zahlen den Preis für die in vollem Maße weiterlaufende Kapitalakkumulation. Drogenkartelle nahmen schlussendlich die Aufklärung über den Virus selbst in die Hand. Sie vollzogen alternativ den ausbleibenden staatlichen Zwang und verhängten die Ausgangssperre: „Wir wollen das Beste für die Bevölkerung. Wenn die Regierung uns nicht hilft, tut es das organisierte Verbrechen.“10 Was wie ein Akt der Menschlichkeit wirkt, ist dabei jedoch – wie immer bei Staatsgewalt antizipierenden Rackets – in erster Linie dem Interesse an einer weitergehenden Wertrealisierung der eigenen Produkte auf dem Schwarzmarkt geschuldet. Nicht nur rekrutieren die Gangs aus den Favelas viele ihrer Mitglieder, sie haben dort einen Teil ihres Kundenstammes und die Infrastrukturen der eigenen Produktion.

Auch in Deutschland sind einige der Meinung, dass die staatliche Gewalt nicht ihr Nötiges tut und willkürliche Kontrollen von Jungs mit schwarzen Haaren, die ohne Mundschutz vor einer Dönerbude stehen und auf ihr Essen warten, noch zu wenig seien. Hier formieren sich eversive Elemente, die die bestehende Ordnung nur deshalb kritisieren, weil sie von einer „noch ordentlicheren Ordnung“11 träumen. Es wittern altbekannte Blockwarts neue Chancen, wenn sie bei Gruppenbildungen in ihrem Kiez sofort frohlockend wegen die neuerlangten Macht gegenüber jeder Form der Selbstbestimmung die Polizei herbeirufen, welche die schwammigen Gesetze so auslegt, wie sie es für richtig hält. Die bereits in den Krisen-Verordnungen selbst angelegte Polizeigewalt und/oder -willkür, wird von der breiteren Öffentlichkeit wenig kritisiert, hat sie doch unser aller Wohl im Sinn. Wie es in der Tagesschau vom 03.05.2020 ein deutscher Pressevertreter behauptete: In Krisenzeiten wäre die mediale Verbreitung der staatlichen Verordnungen schließlich wichtiger als eine kritische Auseinandersetzung damit. Dass es die autoritären Drecksäcke nicht bei der ehrenamtlichen Unterstützung der Arbeit der Sicherheitsbehörden belassen, sondern, wenn sie es für nötig erachten, auch das Gesetz selbst in die Hand nehmen, gehört zum antideutschen Basiswissen und ist die schmerzliche Erfahrung eines jeden, der versuchte, seine Jugend mit Sprühdosen, lauter Musik, Drogen oder sonstigem volkszersetzenden Verhalten ein bisschen bunter zu gestalten.

Immer öfter fühlen sich einige Deutsche einem Jihad gegen all das Fremde verpflichtet, welches die idyllische Dorfgemeinschaft – Sei es auf dem Land oder im Herzen der Metropole –gefährden könnte. Es werden Menschen, die von Rassenkundlern a.D. als asiatisch klassifiziert werden, angegriffen. In den Provinzen, in die sowieso kein Biodeutscher, der ein Interesse an der eigenen körperlichen Unversehrtheit hat, einen Fuß setzen würde, solange er es nicht muss, wird an Autos mit fremden Kennzeichen das Virus bekämpft. Wo der Hass auf das Fremde und das Bedürfnis der Abgrenzung gegen alles krankheitserregende Leben keine vermeintlichen „Ausländer“ findet, an denen sich abreagiert werden kann, fallen die stolzen Deutschen gerne wieder ideologisch in Kleinstaaterei zurück und lassen die eigene Scholle bereits an der Grenze des Landkreises beginnen. Der Fremde wird wieder aktiv mit dem in Verbindung gebracht, womit er sonst nur schemenhaft assoziiert wird. Durch den von außen kommenden und als unrein erscheinenden Kranken wird die vermeintlich gesunde Gemeinschaft in Gefahr gebracht. Die Angst vor dem abstrakten und unsichtbaren Virus wird durch Personifizierung sichtbar gemacht und schlussendlich am fremden Objekt bekämpft. Mit dem sich der individuellen Kontrolle entziehenden Virus wird ideologisch ähnlich umgegangen, wie mit der sich ebenfalls der individuellen Kontrolle entziehenden eigenen Verwertbarkeit: Im rassistischen und antisemitischen Umschlag des fetischisierten Bewusstseins versucht man beides am Objekt der Verachtung konkret machen zu können, um so die drohende Gefahr – fehlende Verwertbarkeit oder Krankheit – direkt bekämpfen zu können.

Es ist dieses sich immer wieder erneuernde und nie einlösbare Versprechen des Rassismus, mit dem die AfD seit der sogenannten Flüchtingskrise immer wieder Wahlen gewinnen kann. Ist angesichts der geschlossenen Grenzen, der autoritären Verschärfung im Inneren und der zahlreichen sich immer wieder rassistisch entladenden Ängste der feuchte Traum der pseudo-konservativen und wannabe-faschistischen AfD nicht wahr geworden? Vielleicht, doch am Ende ist die AfD auch eine politische Partei wie jede andere. Und als solche kann es für sie nichts Schlimmeres geben, als wenn ausgerechnet die verweichlichten und etablierten Parteien der Berliner Republik die autoritären Sehnsüchte des deutschen Volkes bedienen. Und so schien sie in der Krise kurzzeitig an Bedeutung verloren zu haben. Die AfD hatte es lange nicht geschafft, eine einheitliche Position zu finden.

Doch keine Sorge, liebe Tarnkappen-Wahlkämpfer*innen12 vom Unteilbar-Bündnis, ihr müsst euren politischen Fokus nicht neu justieren: Die die AfD hat es geschafft, sich zwischen antisemitischen Verschwörungstheoretiker*innen, kleingeistigen Lockdown-Gegner*innen und neoliberalen Wachstumsfanatiker*innen ins Nest zu setzen und wieder ihre Liebe zum faktenverachtenden und -resistenten Wutbürgertum zu verfestigen.13 Man kann sich weiterhin bewusstlos im Namen der Zivilgesellschaft an der AfD abarbeiten und ist nicht gezwungen, kurz innezuhalten und darüber nachzudenken, dass man sich auch im berechtigten und richtigen Kampf gegen die AfD, und oft gegen den eigenen ausgesprochenen Willen, ehrenamtlich in den Dienst des eigenen Staates stellt. Spannend bleibt allein, ob der politische Opportunismus so weit getrieben werden kann, dass man am Ende eine Öffnung der Grenzen fordert, die nun im Namen der Nation gegen die Idee der Europäischen Union geschlossen wurden. Zumindest Wines könnte man der AfD dann nicht mehr vorwerfen: die mangelnde Integration gegenüber der politischen Kultur dieses Landes.

In Zeiten der nicht greifbaren Krise ist es nicht verwunderlich, dass antisemitische Verschwörungstheorien einen Halt geben und das nicht Greifbare einfach und schnell verständlich zu machen scheinen. Antisemiten wie Ken Jebsen, wandelnder Aluhut und Initiator der „Friedensmahnwachen“, nutzen dieses Bedürfnis der Menschen in der Krise und tönen vom angeblich lebensgefährlichen Impfen und den Eliten welche die Menschen mithilfe einer „erfundenen und nicht tödlichen Krankheit“ kontrollieren wollen. Gerne wird der Name des Multi-Milliardärs Bill Gates genannt, der sich mit den „Feinden des Volkes“ und den „Eliten“ verbündet hätte und nun mithilfe eines Impfstoffes Mikrochips zur völligen Kontrolle den Menschen injizieren möchte.

Den Ausführungen dieser zum Großteil sehr bizarren Theorien sind vermeintlich keine Grenzen gesetzt, ebenso wie ihrer Akzeptanz in Teilen der Bevölkerung. In zahllosen Chatgruppen gehen entsprechende „Enthüllungen“ in Wort und Bild umher und finden reißenden Absatz; auch unter Prominenten, die immer häufiger ihren Fans die „Wahrheit“ in selbst erstellten Telegram-Gruppen oder Ähnlichem zur Verfügung stellen. Antisemitische Verschwörungstheorien, die bis zuletzt von großen Bevölkerungsteilen als Hirngespinste einiger Spinner abgetan wurden, schaffen ihren Weg in das Leben von immer mehr Menschen. Sie befriedigen das Bedürfnis nach Pseudo-Systemkritik und zeitgleich Simplifizierung einer Welt, welche für die meisten immer schwerer zu verstehen ist.

Und zwischen Impfgegnern und Neoliberalen fühlt es sich wohl, das Gespenst vom „China-Virus“, welches dem „guten Deutschen“ bewusst Schaden an Volk und Wirtschaft bereitet.

Social distancing als Selektionsprozess

Wenn einem die Kassiererin bei Penny durch den Mundschutz nicht mehr versteht, ist die Kommunikation beim Warentausch auf den Preis und die Form seiner Bezahlung reduziert. Die während Corona allgemein erhobene Forderung des social distancing und die nun ausgerufene Maskenpflicht hat der Arbeit und dem Warentausch den „rührend-sentimentalen Schleier abgerissen“.14 Mit der digitalen Lehre haben sich die seit den 1960er Jahren immer wieder aufkommenden Illusionen von kritischen Studierenden endgültig als ein nicht gewünschtes Abfallprodukt des „qua Studentenbewegung artikulierte[n] Bestreben[s] der Betroffenen nach einem ihrem Ausbildungsanspruch gemäßen und ihren Berufsaussichten förderlichen Reorganisation der Hochschuleinrichtungen und inhaltlichen Neubestimmungen des Wissenschaftsbetriebs“15 erwiesen. All dies ist gleichbeutend damit, dass die wenigen die warenförmige Tristesse transzendierenden Momente, die zwischen Leistungsdruck und Konsum kurz aufscheinen könnten, ebenfalls gestrichen worden sind. Aktionen oder Orte, die versuchen diese Vereinzelung nur für einen kurzen Moment zu durchbrechen und erträglich zu machen; wo Menschen zueinander finden und einen Lichtstreif der unmittelbaren Verbindung zwischen einander erfahren könnten; fallen wegen fehlender Systemrelevanz weg. Was Solidarität und Zuflucht spenden konnte, birgt jetzt potenzielle Gefahren für jedes Individuum, vor allem für die Kranken und körperlich Schwachen der Gesellschaft.

Für Familien, Wohngemeinschaften und Einpersonenhaushalte kann der Zwang, so viel wie möglich in den eigenen vier Wänden zu bleiben, verheerende (psychische) Folgen haben. Entscheidend ist nicht zuletzt, über wie viel Geld verfügt werden kann. Der Lagerkoller stellt sich zu viert in einem mehrstöckigen Einfamilienhaus mit Garten deutlich später ein, als mit der gleichen Anzahl von Personen in einer beengten Wohnung. Das Zurückgeworfen Sein auf die eigene Familie bedeutet für viele Menschen, vor allem Frauen und Kinder, noch häufiger das Opfer häuslicher Gewalt zu werden. Rückzugsmöglichkeiten gibt es keine mehr. Zu Beginn der Krise wurden von heute auf morgen laufende psychologische Therapien eingeschränkt, die mittlerweile teilweise bloß virtuell oder telefonisch fortgeführt werden. Der Unterschied, der hier zwischen einer suizidalen Person und einer Person mit akuten und lebensbedrohlichen körperlichen Leiden gemacht wird, lässt sich für uns nicht nachvollziehen, wenn man sich allein die Lebensgefahr die für die beiden Personen ausgeht anschaut. Es kommt der Verdacht auf, dass andere – ökonomischere – Parameter diesbezüglichen Entscheidungen zu Grunde liegen. Ohne die genaue Hierarchie innerhalb einer Gesellschaft von atomisierten Individuen zu kennen und die Verwertungslogik bis ins kleinste Detail analysiert zu haben – vielleicht haben GegenStandPunkt oder Bahamas in ihren nächsten Ausgaben ja einen solchen Artikel im Angebot, der sich nicht der Einfühlung in die widervernünftige Logik verweigert – wird der innerhalb einer staatlich verfassten Gesellschaft vorgenommene Selektionsprozess deutlich. Dass man sich von einer Lungenentzündung bis zur vollständigen Verwertbarkeit erholen kann, erscheint dabei wahrscheinlicher als bei Depressiven. Die bei Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen immer gerne geleugnete gesellschaftliche Dimension verschwindet endgültig, wenn die zweite Natur der sozialen Verhältnisse sich angesichts einer Bedrohung der ersten Natur als endgültig alternativlos darstellen kann.

Am Schlechtesten geht es den Gruppen, denen es unmöglich ist, social distancing zu praktizieren: Menschen ohne festen Wohnsitz. So wurden mögliche Schlafplätze geschlossen, Essenausgaben haben ihren Betrieb eingestellt oder ihn zumindest heruntergefahren. Es sind weniger Menschen unterwegs, die man nach etwas Geld fragen könnte. Die gestiegene soziale Stigmatisierung, die Menschen, die gezwungen sind, auf der Straße mit ihren eher dürftigen Hygieneangeboten zu leben, entgegenschlägt, können wir nur erahnen. Aktuell sind sie wohl die perfekte Projektionsfläche für die sozialdarwinistischen Einstellungen aller Art. In diesen werden die gestiegene gesundheitliche Gefährdung statt als kollektives Scheitern der gesamten Menschheit als individuelle Befreiung von störenden Straßenzeitungsverkäufer*innen wahrgenommen. Doch großen Teilen der Öffentlichkeit scheint das egal zu sein. Obdachlose haben keine Lobby, mit der sie auf die Politik zugehen könnten. Wem in der Krise das kapitalistische Gebot vom Überleben des Stärkeren, nun ohne die bloß als Kitsch der Nächstenliebe erscheinende Menschlichkeit, gilt, für den gibt es erst wieder einen Grund, den Schwächsten zu helfen, wenn die eigene Existenz wieder in trockene Tüchern gepackt werden konnte. Vor allem dann, wenn es sich dabei um Menschen, die aufgrund ihrer fehlenden Lohnabhängigkeit sowieso nicht als „echte“ Staatsbürger*in und Teile der Gesellschaft anerkannt werden handelt.

Gibt es die radikale Linke eigentlich noch?

Was macht eigentlich unserer „Verein“ (Pohrt), während die Welt jeden Tag ein bisschen beschissener wird? Corona zeigt deutlich, dass wir als radikale Linke momentan daran scheitern, uns abseits von Staat und Kapital so zu organisieren, dass Solidarität auch anders als von den wieder unter strengen Auflagen erlaubten Demonstrationen praktisch werden kann. Wir sind aktuell dazu verdammt, ohnmächtig auszuhalten, wenn wir nicht nur in einen Pseudo-Aktivismus mit Onlinedemos und netten Soli-Sprüchen am Fenster verfallen wollen. Wir alle sind, nicht zuletzt was die medizinische Versorgung oder die Entschädigungen bei Arbeitsausfall angeht, abhängig von staatlichem Handeln. Damit sind wir – entgegen dem eigenen Selbstbild – alles andere als autonom. Damit ist kein Argument gegen die radikale Linke vorgebracht worden, sondern nur ein weiteres gegen die von Linksradikalen oft verdrängte kapitalistische Totalität. Doch eine radikale Linke ist handlungsunfähig, wenn sie die eigene Handlungsfähigkeit hypostasiert und die Macht des Staates auf „den wirklichen Staat“ und seinen Polizeiapparat reduziert. Sie kann nicht erklären, dass die Machthabenden zufällig mitunter auch das mehr oder weniger Richtige tun und dabei doch stets aus den falschen Gründen handeln.

Auch wenn Corona einiges offenlegt, was nicht erst seit Beginn der Warenproduktion in dieser Gesellschaft falsch läuft, wollen wir Corona und die Krise noch lange nicht als „Chance“ sehen. Wenn Menschen sterben, obwohl dieser Tod, wie oben dargelegt, nicht unausweichlich ist, kann in keinem Moment von „Chance“ geredet werden. Selbst dann nicht, wenn Staaten deshalb beginnen, den freien Markt einzugrenzen. Diese zutiefst bürgerlichen Vorstellungen, die sich ähnlich im Jakobinismus oder in Hobbesbawms Bereitschaft zur Legitimierung des stalinistischen Terrors finden lassen, wenn dieser die versprochene Welt tatsächlich verwirklicht hätte, ist utilitaristischer Wahn, gegen den wir uns entschieden stellen wollen. Das auch bei Linken nicht unpopuläre Gefasel davon, dass die Welt sich selbst reinigen würde a là „der Mensch ist das wahre Virus“ ist so ekelhaft, dass wir darüber keine weiteren Worte verlieren wollen. Auch wenn noch nicht abzusehen ist, wie die Welt nach der Pandemie aussehen wird, kann es nicht schaden, die Waffen der kommunistischen Kritik scharf zu halten, was uns zu unserem letzten Punkt bringt:

Heute kann Bange machen, wie es Adorno bereits im amerikanischen Exil festhielt, gerade für die radikale Linke nicht gelten. Solange die radikale Linke noch nicht in der Lage ist, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes ein geknechtetes Wesen ist,“16 muss sie sich zumindest als ein zu kritischen Gedanken und subversiven Handlungen fähiger Zusammenschluss am Leben erhalten: Auf dass sie den St. Nimmerleinstag der Revolution noch erleben und auf dem Weg dorthin den politischen Normalvollzug so viel wie möglich stören kann. Eine ehrliche Selbsteinschätzung und die Stärkung der eigenen subkulturellen Strukturen wären ein Anfang.

#ShutdownLindenstraße
#SupportSuppenEngel

Bis dahin, passt auf euch auf!
Mit sonnigen Grüßen,
Solarium

Hinweis: Der Text ist die Dokumentation einer internen Diskussion, die wir in der ersten Phase des Lockdowns (also März/April) geführt haben. Uns ist bewusst, dass der alles umwälzende Fortgang des katastrophalen Kapitalverhältnisses mittlerweile einiges von dem, was wir hier geschrieben haben bereits überholt hat. Dennoch wollten wir nicht, dass dieser Text als Analyse der ersten Phase der Pandemie zur Zeit jener Phase einfach auf unseren Festplatten verschwindet. Noch hatten wir die Kapazitäten alle Ereignisse der mittlerweile begonnen zweiten Phase in ihn einzuarbeiten, ohne seinen Rahmen zu sprengen. Zur zweiten Phase empfehlen wir die Lektüre von Georg Seßlen: ‚Die Krise in der Krise in der Krise‚ (Jungle World 20/2020, leider nicht online) – wenn wir auch so unsere Kritikpunkte haben, dürfte sein Text aktuell die beste Grundlage sein um über die zweite Phase diskutieren zu können.

1Ausführlich beschäftigte sich damit die Redaktion des Magazin, weswegen wir an dieser Stelle nicht darauf eingehen werden: http://www.magazinredaktion.tk/corona9.php & http://www.magazinredaktion.tk/corona.php
2Marx, Karl: das Kapital, MEW 23: 99.
3Benjamin, Walter: Über den Begriff der Geschichte (posthume Abschrift), WB WuN 19: 97.
4Adorno, Theodor W.: Negative Dialektik: 176.
5Antideutsche Kommunisten Berlin: Letzte Warnung: http://adk.atspace.com/pub/global/letztewarnung.htm
6Bruhn, Joachim: Was deutsch ist – Zur kritische Theorie der Nation: 166.
7„Denn hätte Marx nur weitergelesen und -kritisiert, dann wäre ihm aufgefallen, daß Hegel in den §§ 321–329 “Die Souveränität gegen außen” behandelt, sodann “Das äußere Staatsrecht” darstellt und da eben die Vermittlung von Bourgeois und Citoyen gibt, deren Absenz Marx ihm ankreiden will: in der Gestalt des Soldaten. 
Die Vermittlung also existiert allerdings, nicht jedoch als Versöhnung, sondern als Tod, in der bedingungslosen Pflicht zum Töten und zum Opfer. 
Der Staat darf, sagt Hegel, “nicht nur als bürgerliche Gesellschaft” betrachtet werden (Grundlinien § 324, Zusatz), sondern als die Nation in ihrer Grenze, die das “Hingeben der persönlichen Wirklichkeit” an den “absoluten Endzweck”, an die “Souveränität des Staates” (§ 328) impliziert. 
Der Soldat versöhnt, in äußerster Negativität, den konkreten Egoismus mit dem abstrakten Altruismus des in der Form des Subjekts konstituierten Individuums, er verkörpert das “Bereitsein zur Aufopferung im Dienste des Staates” (§ 327). Die Subjektform ist die Uniform, Rechtsform ist Mordauftrag.
Darin ist “das Interesse und das Recht des Einzelnen als ein verschwindendes Moment gesetzt” (§ 324), also der Kamerad und Volksgenosse, und letztlich die Verwandlung der bürgerlichen Gesellschaft ins Mordkollektiv, d.h. der “Umschlag der Gleichheit des Rechts ins Unrecht durch die Gleichen” und die Verwandlung der Subjekte aller Klassen in “eine hundertprozentige Rasse” (Theodor W. Adorno/Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung).“ 
Aus: Bruhn, Joachim: Subjektform ist die Uniform, auf: https://www.ca-ira.net/verein/positionen-und-texte/bruhn-subjektform-uniform/
8Lesenswert dazu: Kleine Typologie der Corona-Genießer: http://www.magazinredaktion.tk/corona2.php
9Die beschlossene Zahl der Bundesregierung liegt bei 1000 bis 1500, allerdings hängt die tatsächliche Zahl von der Bereitschaft der 16 verschiedenen Landesregierungen ab.
10Wie die Jungle World 2020/14 berichtet: https://jungle.world/artikel/2020/14/so-ist-das-leben-eben
11Agnoli, Johannes: Subversive Theorie – die Sache selbst und ihre Geschichte: 14.
12 Dazu hörenswert von The Future is Unwritten: gestern radikal, heute Landtagswahl: https://soundcloud.com/user-677609373/gestern-radikal-heute-landtagswahl-parlamentarismuskritik-in-zeiten-des-rechtsrucks
13 https://twitter.com/voellig_egal71/status/1256700204838989830?s=19
14Engels, Friedrich / Marx, Karl: Manifest der kommunistischen Partei, MEW 8: 465.
15Enderwitz, Ulrich: Die Republik frißt ihre Kinder: 42.
16Marx, Karl: Einleitung zur Kritik der hegelschen Rechtsphilosophie, MEW 1: 387.
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