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Ilja Ehrenburg: es reicht.

Am 11ten April erschien der letzte Kriegsartikel des jüdischen und sowjetischen Antifaschisten Ilja Ehrenburg. Weil der „größte antideutsche Hetzer von allen“ (dein Weckruf) – wieder mal – in Konflikt mit der sowjetischen Führung geriert, wurde im danach bis Kriegsende das Publizieren in der ‚Prawda‘ untersagt. Auch das von ihm, als Beitrag im Kampf gegen den sowjetischen Antisemitismus, geplante ‚Schwarzbuch über den Genozid an den sowjetischen Juden‘ konnte nie in der Sowjet Union erscheinen. Mit seinen Kriegsartikel wollte er vor allem die Soldaten und Soldatinnen der roten Armee über die Verbrechen der deutschen Aufklären und ihnen die Notwendigkeit der militärischen Zerschlagung Deutschlands deutlich machen, aber auch außerhalb der Sowjet Union fanden sie innerhalb der Anti-Hitler-Koalition begeisterte Leser. Charles de Gaulle verlieh im 1945 den Offiziersorden der Ehrenlegion für seine Kriegsartikel. Anlässlich des Jahrestages der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee dokumentieren wir hier den letzten Kriegsartikel Ehrenburgs.

Ge­fal­len ist das un­ein­nehm­ba­re Kö­nigs­berg, ge­fal­len zwölf Stun­den nach den Be­teue­run­gen des Ber­li­ner Ra­di­os, dass die Rus­sen nie in Kö­nigs­berg sein wür­den. Die Feder des Chro­nis­ten bleibt hin­ter der Ge­schich­te zu­rück. Die Rote Armee steht im Zen­trum von Wien. Die ver­bün­de­ten Trup­pen sind bis Bre­men und Braun­schweig vor­ge­rückt. Die Frit­ze, die in Hol­land ste­cken ge­blie­ben sind, wer­den dort nicht mehr her­aus­kom­men. Auch aus dem Ruhr­ge­biet wer­den die Frit­ze nicht mehr herauskommen.​Vor einer Woche haben die Deut­schen von der „Elb­gren­ze“ ge­spro­chen. Noch vor kur­zem hat Hit­ler daran ge­dacht, in Ös­ter­reich Schutz zu su­chen, jetzt schaut er vol­ler Ent­set­zen nach Süden. Es ist schwer auf­zu­zäh­len, was er ver­lo­ren hat: die Ost­see­küs­te von Til­sit bis Stet­tin, alle In­dustrie­ge­bie­te – Schle­si­en, das Saar­land, das Ruhr­ge­biet, die Korn­kam­mern Preu­ßens und Pom­merns, das un­er­mess­lich rei­che Frank­furt, Ba­dens Haupt­stadt Karls­ru­he, große Städ­te – Kas­sel, Köln, Mainz, Müns­ter, Würz­burg, Han­no­ver. Ame­ri­ka­ni­sche Pan­zer­sol­da­ten haben eine Ex­kur­si­on durch den ma­le­ri­schen Harz be­gon­nen. Bald wer­den sie den Bro­cken sehen, auf dem es der Über­lie­fe­rung nach Hexen gibt. Die­ser An­blick wird sie kaum ver­wun­dern: In den deut­schen Städ­ten haben sie ganz reale Hexen ge­se­hen. Eine an­de­re ame­ri­ka­ni­sche Ab­tei­lung ist bis zu der baye­ri­schen Stadt vor­ge­rückt, die ich schon mehr­mals in mei­nen Ar­ti­keln er­wähnt habe, be­zau­bert von ihrem me­lo­di­schen Namen – Schwein­furt (über­setzt „Furt für Schwei­ne“).

Es gibt Ago­ni­en, die vol­ler Größe sind. Deutsch­land geht jäm­mer­lich unter – kein Pa­thos, keine Würde. Den­ken wir an die üp­pi­gen Pa­ra­den, den Ber­li­ner „Sport­pa­last“, wo Adolf Hit­ler so oft ge­brüllt hat, dass er die Welt er­obern wird. Wo ist er jetzt? In wel­cher Ritze? Er hat Deutsch­land an den Ab­grund ge­führt und zieht es jetzt vor, sich nicht zu zei­gen. Seine Hel­fer sind nur um das eine be­sorgt: wie sie ihre Haut ret­ten kön­nen. Die Ame­ri­ka­ner haben die Gold­re­ser­ven Deutsch­lands ge­fun­den; die Ban­di­ten haben Reiß­aus ge­nom­men und sie im Stich ge­las­sen. Nun ja, die deut­schen Frau­en ver­lie­ren ihre ge­stoh­le­nen Pelze und Löf­fel und die Herr­scher des Deut­schen Rei­ches ver­lie­ren Ton­nen von Gold. Und alle lau­fen, alle ren­nen umher, alle tre­ten ein­an­der auf die Füße bei dem Ver­such, sich zur schwei­ze­ri­schen Gren­ze durch­zu­schla­gen. „Das Jahr 1918 wird sich nicht wie­der­ho­len“, hat Go­eb­bels hoch­mü­tig ver­kün­det; das war vor ein paar Mo­na­ten. Jetzt dür­fen die Deut­schen nicht ein­mal mehr davon träu­men, dass sich das Jahr 1918 wie­der­holt. Nein, das Jahr 1918 wird sich nicht wie­der­ho­len. Da­mals stan­den an der Spit­ze Deutsch­lands Po­li­ti­ker, wenn auch be­schränk­te, Ge­ne­rä­le, wenn auch ge­schla­ge­ne, Di­plo­ma­ten, wenn auch schwa­che. Jetzt ste­hen an der Spit­ze Deutsch­lands Gangs­ter, ein ge­müt­li­cher Freun­des­kreis von Kri­mi­nel­len. Und die pro­mi­nen­ten Ban­di­ten den­ken nicht an das Schick­sal des klei­nen Diebs­ge­sin­dels, das sie um­gibt, die Ban­di­ten sind nicht mit der Zu­kunft Deutsch­lands be­schäf­tigt, son­dern mit ge­fälsch­ten Päs­sen. Ihnen ist nicht nach Staats­ge­spräch und Staats­streich: Sie las­sen sich Bärte wach­sen und fär­ben ihre Haar­schöp­fe. Die aus­län­di­sche Pres­se hat ein gutes Jahr lang den Ter­mi­nus „be­din­gungs­lo­se Ka­pi­tu­la­ti­on“ dis­ku­tiert. Aber die Frage ist nicht, ob Deutsch­land ka­pi­tu­lie­ren will. Es ist nie­mand da zum Ka­pi­tu­lie­ren. Deutsch­land ist nicht da: Da ist eine ko­los­sal große Rotte, die aus­ein­an­der­läuft, wenn die Rede auf Ver­an­wor­tung kommt. Es ka­pi­tu­lie­ren Ge­ne­rä­le und Frit­ze, Bür­ger­meis­ter und stell­ver­tre­ten­de Bür­ger­meis­ter, es ka­pi­tu­lie­ren Re­gi­men­ter und Kom­pa­ni­en, Städ­te, Stra­ßen, Woh­nun­gen. In an­de­ren Kom­pa­ni­en, in den Nach­bar­häu­sern oder -​woh­nun­gen wie­der­um sträu­ben sich die Ban­di­ten noch und ver­ste­cken sich hin­ter dem Namen Deutsch­land. So ist es mit dem Ein­fall der kul­tur­lo­sen und blut­dürs­ti­gen Fa­schis­ten, die Welt un­ter­wer­fen zu wol­len, zu Ende ge­gan­gen.

Die „Deut­sche All­ge­mei­ne Zei­tung“ ver­si­chert ihren Le­sern (gibt es sie noch? Den Deut­schen ist schließ­lich jetzt nicht nach Zei­tun­gen), dass die deut­schen Sol­da­ten „fa­na­tisch so­wohl gegen die Bol­sche­wi­ken als auch gegen die Ame­ri­ka­ner kämp­fen“. Un­se­re Ver­bün­de­ten kön­nen über diese Worte la­chen: An einem Tag haben sie fast ohne Kämp­fe vier­zig­tau­send Deut­sche ge­fan­gen ge­nom­men. Die Kor­re­spon­den­ten er­zäh­len, dass die Ame­ri­ka­ner bei ihrem Vor­rü­cken nach Osten immer auf ein Hin­der­nis tref­fen: Mas­sen von Ge­fan­ge­nen, die alle Stra­ßen ver­stop­fen. Beim An­blick der Ame­ri­ka­ner be­ge­ben sich die Deut­schen wahr­haf­tig mit fa­na­ti­scher Hart­nä­ckig­keit in Ge­fan­gen­schaft. Die Ge­fan­ge­nen be­we­gen sich ohne Kon­voi, und die Pos­ten an den La­gern sind nicht dazu auf­ge­stellt, die Ge­fan­ge­nen beim Weg­lau­fen zu stö­ren, son­dern damit die sich er­ge­ben­den Frit­ze, die in die Lager drän­gen, ein­an­der nicht er­drü­cken. Ver­ges­sen sind so­wohl Gott Wotan als auch Nietz­sche als auch Adolf Hit­ler alias Schick­lgru­ber – die Über­men­schen mun­tern ein­an­der mit den Wor­ten auf: „Halt aus, Ka­me­rad, die Ame­ri­ka­ner sind nicht mehr weit …“.

Der aus­län­di­sche Leser wird fra­gen: Warum haben denn die Deut­schen mit einer sol­chen Hart­nä­ckig­keit ver­sucht, Küstrin zu hal­ten? Warum schla­gen sie sich ver­bis­sen in den Stra­ßen Wiens, um­ge­ben von der Feind­se­lig­keit der Wie­ner? Warum haben die Deut­schen ver­zwei­felt Kö­nigs­berg ver­tei­digt, das Hun­der­te Ki­lo­me­ter von der Front an der Oder ent­fernt ist? Um auf diese Fra­gen zu ant­wor­ten, muss man sich an die furcht­ba­ren Wun­den Russ­lands er­in­nern, von denen viele nichts wis­sen wol­len und die viele ver­ges­sen wol­len.

Am 1. April 1944 er­mor­de­ten die Deut­schen 86 Ein­woh­ner der fran­zö­si­schen Ge­mein­de Asque. Der deut­sche Of­fi­zier, der den Mord lei­te­te, er­klär­te, als man ihn nach den Grün­den für die Er­schie­ßung frag­te, er habe „irr­tüm­lich einen Be­fehl an­ge­wandt, der sich auf das ok­ku­pier­te so­wje­ti­sche Ter­ri­to­ri­um bezog“. Ich rede die Qua­len, die Frank­reich durch­ge­macht hat, nicht klein; ich liebe das fran­zö­si­sche Volk und ver­ste­he sein Leid. Aber mögen alle über die Worte die­ser Men­schen­fres­ser nach­den­ken. Ge­ne­ral de Gaul­le reis­te kürz­lich zu dem Asche­h­au­fen, der von dem Dorf Ora­dour übrig ge­blie­ben ist; die Deut­schen haben alle seine Ein­woh­ner ge­tö­tet. Von sol­chen Dör­fern gibt es in Frank­reich vier. Wie viele von sol­chen Dör­fern gibt es in Bel­o­russ­land?

Ich will an die Dör­fer des Le­nin­gra­der Ge­biets er­in­nern, wo die Deut­schen die Hüt­ten zu­sam­men mit den Men­schen ver­brannt haben. Ich will an die Stre­cke Gs­hatsk – Wilno er­in­nern: daran, wie sorg­fäl­tig, ak­ku­rat die Sol­da­ten der deut­schen Armee, nicht Ge­sta­po­leu­te, nicht ein­mal SS-​Leu­te, nein, ganz ge­wöhn­li­che Frit­ze, Orjol, Smo­lensk, Wi­tebsk, Pol­ta­wa, hun­der­te an­de­rer Städ­te nie­der­ge­brannt haben. Als die Deut­schen ei­ni­ge eng­li­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne er­mor­de­ten, schrie­ben die aus­län­di­schen Zei­tun­gen zu Recht von einer un­er­hör­ten Bar­ba­rei. Wie viele so­wje­ti­sche Kriegs­ge­fan­ge­ne haben die Deut­schen er­schos­sen, er­hängt, mit Hun­ger zu Tode ge­quält? Wenn die Welt ein Ge­wis­sen hat, muss die Welt Trau­er­klei­dung an­le­gen, wenn sie auf das Leid Bel­o­russ­lands sieht. Denn man trifft nur sel­ten einen Bel­o­rus­sen, des­sen Nächs­te die Deut­schen nicht er­mor­det haben. Und Le­nin­grad? Kann man mit Ge­las­sen­heit an die Tra­gö­die den­ken, die Le­nin­grad durch­lebt hat? Wer so etwas ver­gisst, ist kein Mensch, son­dern ein schä­bi­ges In­sekt.

Es gab Zei­ten, da er­schüt­ter­te die Not eines ein­zi­gen Be­lei­dig­ten das Ge­wis­sen der gan­zen Mensch­heit. So war es mit der Drey­fus-​Af­fä­re: Ein un­schul­di­ger Jude wurde zu Fes­tungs­haft ver­ur­teilt, und das brach­te die Welt auf, Emile Zola ent­rüs­te­te sich, Ana­to­le Fran­ce und Mir­beau und mit ihnen die bes­ten Köpfe ganz Eu­ro­pas. Die Hit­ler­leu­te haben bei uns nicht einen, son­dern Mil­lio­nen un­schul­di­ger Juden er­mor­det. Und es haben sich im Wes­ten Leute ge­fun­den, die un­se­re tro­cke­nen, be­schei­de­nen Be­rich­te der „Über­trei­bung“ be­zich­ti­gen. Ich hätte gern, dass diese aus­län­di­schen Be­sänf­ti­ger bis ans Ende ihrer Tage von den Kin­dern in un­se­ren Grä­ben träu­men, den noch halb Le­ben­di­gen mit ihren zer­stü­ckel­ten Kör­pern, die vor dem Tod nach ihren Müt­tern rufen.

Leid un­se­rer Hei­mat, Leid aller Wai­sen, unser Leid – du bist mit uns in die­sen Tagen der Siege, du fachst das Feuer der Un­ver­söhn­lich­keit an, du weckst das Ge­wis­sen der Schla­fen­den, du wirfst einen Schat­ten, den Schat­ten der ver­stüm­mel­ten Birke, den Schat­ten des Gal­gens, den Schat­ten der wei­nen­den Mut­ter auf den Früh­ling der Welt. Ich be­mü­he mich, mich zu­rück­zu­hal­ten, ich be­mü­he mich, so leise wie mög­lich, so streng wie mög­lich zu spre­chen, aber ich habe keine Worte. Keine Worte habe ich, um die Welt noch ein­mal daran zu er­in­nern, was die Deut­schen mit mei­nem Land ge­macht haben. Viel­leicht ist es bes­ser, nur die Namen zu wie­der­ho­len: Babi Jar, Trost­ja­nez, Kertsch, Pona­ry, Bels­hez. Viel­leicht ist es bes­ser, kühle Zah­len an­zu­füh­ren. In einem Trup­pen­ver­band wur­den 2103 Per­so­nen be­fragt. Hier die Sta­tis­tik des Blu­tes und der Trä­nen:

Ver­wand­te an den Fron­ten ge­fal­len – 1288.
Frau­en, Kin­der, Fa­mi­li­en­mit­glie­der er­schos­sen und er­hängt – 532.
Mit Ge­walt nach Deutsch­land ge­schickt – 393.
Ver­wand­te aus­ge­peitscht – 222.
Wirt­schaf­ten aus­ge­plün­dert und ver­nich­tet – 314.
Häu­ser nie­der­ge­brannt – 502.
Kühe, Pfer­de und Klein­vieh fort­ge­nom­men – 630.
Ver­wand­te als In­va­li­den von der Front zu­rück­ge­kehrt – 201.
Per­sön­lich auf dem ok­ku­pier­ten Ter­ri­to­ri­um aus­ge­peitscht wor­den – 161.
An den Fron­ten ver­wun­det – 1268.

Aber wenn die Zah­len ihre Macht über die Her­zen ver­lo­ren haben, fragt vier Pan­zer­sol­da­ten, warum sie es eilig haben, nach Ber­lin zu kom­men. Leut­nant Wdo­wit­schen­ko wird er­zäh­len, wie die Deut­schen im Dorf Pe­trow­ka seine Fo­to­gra­fie fan­den; sie fol­ter­ten die Schwes­ter des Leut­nants, Anja, mit glü­hend ge­mach­tem Eisen – „wo ist der rus­si­sche Of­fi­zier?“ – , dann ban­den sie die win­zi­ge Al­lot­sch­ka an zwei klei­ne Ei­chen­bäu­me und zer­ris­sen das Kind in zwei Teile, die Mut­ter muss­te zu­se­hen. Ser­geant Ze­lo­wal­ni­kow wird ant­wor­ten, dass die Deut­schen in Kras­no­dar sei­nen Vater, seine Mut­ter und seine Schwes­tern ver­gast haben. Alle Ver­wand­ten von Ser­geant Schand­ler wur­den von den Deut­schen in Welish ver­brannt. Die Fa­mi­lie von Haupt­feld­we­bel Smirnow kam wäh­rend der Ok­ku­pa­ti­on in Pusch­kin um. Das ist das Schick­sal von vier Pan­zer­sol­da­ten, die zu­sam­men kämp­fen. Von sol­chen gibt es Mil­lio­nen. Darum haben die Deut­schen sol­che Angst vor uns. Darum ist es leich­ter, ganze Städ­te in West­fa­len zu neh­men, als ein Dorf an der Oder. Darum schickt Hit­ler, ent­ge­gen allen Ar­gu­men­ten der Ver­nunft, seine letz­ten Di­vi­sio­nen nach Osten.

Im Wes­ten sagen die Deut­schen: „Nicht an­fas­sen“, sie spie­len so­zu­sa­gen nicht mehr mit. Sie waren ja nicht in Ame­ri­ka. Oh, selbst­ver­ständ­lich hat vor drei Jah­ren ein fre­cher Fritz in mei­ner Ge­gen­wart zu mei­nem ame­ri­ka­ni­schen Freund Le­land Stowe ge­sagt: „Wir kom­men auch nach Ame­ri­ka, ob­wohl das weit ist.“ Aber von Ab­sich­ten bren­nen keine Städ­te und ster­ben keine Kin­der. Diese un­ver­schäm­ten Deut­schen be­neh­men sich den Ame­ri­ka­nern ge­gen­über wie ir­gend­ein neu­tra­ler Staat. Eng­li­sche und ame­ri­ka­ni­sche Kor­re­spon­den­ten füh­ren dut­zen­de pit­to­res­ker Bei­spie­le an. Ich ver­wei­le vor allem bei einem nam­haf­ten Ex­em­plar: dem Erz­bi­schof von Müns­ter, Galen. Er weiß zwei­fel­los, dass in Ame­ri­ka der Füh­rer* der deut­schen Ka­tho­li­ken, Brü­ning, lebt, um­ge­ben von jeg­li­cher Für­sor­ge. Und der Erz­bi­schof be­eilt sich, zu ver­si­chern: „Ich bin auch gegen die Nazis.“ Dar­auf legt der Erz­bi­schof sein Pro­gramm dar: a) die Deut­schen sind gegen Aus­län­der; b) die Al­li­ier­ten müs­sen den Scha­den er­set­zen, der den Deut­schen durch die Bom­bar­de­ments zu­ge­fügt wurde; c) die So­wjet­uni­on ist ein Feind Deutsch­lands, und man darf die Rus­sen nicht nach Deutsch­land las­sen; d) wenn das oben Ste­hen­de er­füllt wird, dann „wird etwa in 65 Jah­ren in Eu­ro­pa Frie­den herr­schen“. Bleibt zu er­gän­zen, dass die ka­tho­li­schen Zei­tun­gen Ame­ri­kas und Eng­lands voll­auf be­frie­digt sind von dem Auf­bau­pro­gramm die­ses erz­geist­li­chen Men­schen­fres­sers. Gehen wir zu den Ge­mein­de­mit­glie­dern über, die sind auch nicht bes­ser.

Ein Kor­re­spon­dent des „Daily He­rald“ be­schreibt, wie sich in einem Städt­chen die Ein­woh­ner an die Al­li­ier­ten wand­ten „mit der Bitte, die ent­flo­he­nen rus­si­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen ein­zu­fan­gen zu hel­fen“. Alle eng­li­schen Zei­tun­gen mel­den, dass in Os­na­brück die Al­li­ier­ten einen hit­ler­schen Po­li­zis­ten auf sei­nem Pos­ten ge­las­sen hat­ten; die­ser Letz­te zün­de­te ein Haus an, in dem sich rus­si­sche Frau­en be­fan­den. Der Kor­re­spon­dent des „Daily He­rald“ schreibt, ein deut­scher Bauer habe ge­for­dert: „Die rus­si­schen Ar­bei­ter müs­sen blei­ben, sonst kann ich nicht mit den Früh­jahrs­ar­bei­ten be­gin­nen.“ Wobei der eng­li­sche Jour­na­list sich be­eilt, hin­zu­zu­fü­gen, dass er völ­lig ein­ver­stan­den ist mit den Ar­gu­men­ten die­ses Skla­ven­hal­ters. Er ist nicht al­lein: Die Mi­li­tär­be­hör­de hat ein Flug­blatt in fünf Spra­chen her­aus­ge­ge­ben, das die be­frei­ten Skla­ven ein­lädt, zu­rück auf die Güter zu ihren Skla­ven­hal­tern zu kom­men, „um die Feld­ar­bei­ten des Früh­lings durch­zu­füh­ren“.

Warum sind die Deut­schen an der Oder nicht so wie die Deut­schen an der Weser? Weil nie­mand sich fol­gen­des Bild vor­stel­len kann: In einer von der Roten Armee ein­ge­nom­me­nen Stadt ver­brennt ein Hit­ler­po­li­zei­be­am­ter, den man auf sei­nem Pos­ten be­las­sen hat, Ame­ri­ka­ner, oder Deut­sche wen­den sich an die Rot­ar­mis­ten mit der Bitte, ihnen zu hel­fen, die ge­flo­he­nen eng­li­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen wie­der ein­zu­fan­gen, oder die Deut­schen wen­den sich an die Rus­sen mit der Bitte, ihnen noch ein-​zwei Mo­na­te die fran­zö­si­schen Skla­ven zu las­sen, oder Ilja Eh­ren­burg schreibt, dass es „not­wen­dig ist, die hol­län­di­schen Ar­bei­ter auf den deut­schen Gü­tern zu be­las­sen, auf dass die Land­wirt­schaft Pom­merns nicht er­schüt­tert werde“. Nein, Men­schen­fres­ser su­chen bei uns keine Le­bens­mit­tel­kar­ten auf Men­schen­fleisch, Skla­ven­hal­ter hof­fen nicht, von uns Skla­ven zu be­kom­men, Fa­schis­ten sehen im Osten keine Schirm­her­ren. Und darum haben wir Kö­nigs­berg nicht per Te­le­fon ge­nom­men. Und darum neh­men wir Wien nicht per Fo­to­ap­pa­rat.

Heute mel­den die Ver­bün­de­ten, dass ihre Pan­zer sich den Gren­zen Sach­sens nä­hern. An den Ost­gren­zen Sach­sens ste­hen Ab­tei­lun­gen der Roten Armee. Wir wis­sen, dass wir die deut­sche Ver­tei­di­gung durch­bre­chen müs­sen: Die Ban­di­ten wer­den sich weh­ren. Aber die Rote Armee hat sich daran ge­wöhnt, sich mit den Deut­schen mit Hilfe von Waf­fen zu un­ter­hal­ten: So wer­den wir das Ge­spräch mit ihnen auch be­en­den. Wir be­ste­hen auf un­se­rer Rolle nicht des­halb, weil wir ehr­süch­tig sind: Zu viel Blut ist an den Lor­bee­ren. Wir be­ste­hen auf un­se­rer Rolle des­halb, weil die Stun­de des Jüngs­ten Ge­rich­tes naht, und das Blut der Hel­den, das Ge­wis­sen So­wjet­russ­lands ruft: Be­deckt die scham­lo­se Blöße des Erz­bi­schofs von Müns­ter! Die Hit­ler­po­li­zis­ten setzt hin­ter Schloß und Rie­gel, ehe sie neue Un­ta­ten voll­brin­gen! Die Deut­schen, die „Rus­sen fan­gen“, bringt zur Ver­nunft, bevor es zu spät ist – bevor die Rus­sen an­ge­fan­gen haben, sie zu fan­gen! Die Skla­ven­hal­ter schickt zur Ar­beit, sol­len sie ihre fre­chen Rü­cken krüm­men! Strebt nach einem wirk­li­chen Frie­den, nicht in 65 Jah­ren, son­dern jetzt, und nicht nach einem von Mün­chen oder Müns­ter, son­dern nach einem ehr­li­chen, mensch­li­chen.

In un­se­rer Em­pö­rung sind alle Völ­ker mit uns, die den Stie­fel­ab­satz der deut­schen Er­obe­rer er­fah­ren haben – Polen und Ju­go­sla­wen, Tsche­cho­slo­wa­ken und Fran­zo­sen, Bel­gi­er und Nor­we­ger. Die einen hat­ten es bit­te­rer als die an­de­ren, aber alle hat­ten es bit­ter, und alle wol­len eines: Deutsch­land bän­di­gen. Mit uns sind die Sol­da­ten Ame­ri­kas und Groß­bri­tan­ni­ens, die jetzt die Grau­sam­keit und die Nie­der­tracht der Hit­ler­leu­te sehen. Ein Kor­re­spon­dent der As­so­cia­ted Press schreibt, dass die Sol­da­ten der 2. Pan­zer­di­vi­si­on, als sie ge­se­hen hat­ten, wie die Deut­schen die rus­si­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen und die jü­di­schen jun­gen Frau­en ge­quält hat­ten, sag­ten: „Das Schlimms­te, was wir mit den Deut­schen ma­chen kön­nen, wird noch viel zu gut für sie sein.“ Und in einem an­de­ren deut­schen Lager ver­sam­mel­te der ame­ri­ka­ni­sche Oberst die Deut­schen vor den Lei­chen der Men­schen aller Na­tio­na­li­tä­ten und sagte: „Dafür wer­den wir euch bis ans Ende un­se­rer Tage has­sen.“

Näher rückt der Tag, an dem wir un­se­re Freun­de tref­fen wer­den. Wir kom­men stolz und froh zu die­sem Tref­fen. Wir wer­den dem ame­ri­ka­ni­schen, dem eng­li­schen und dem fran­zö­si­schen Sol­da­ten fest die Hand drü­cken. Wir wer­den allen sagen: Genug. Die Deut­schen haben sich selbst Wer­wöl­fe ge­nannt. Aber die Treib­jagd wird echt sein. Die Freun­de des Erz­bi­schofs Galen, Lady Gibb, Do­ro­thy Thomp­son und an­de­re Schirm­her­ren die­ser Mör­der wer­den ge­be­ten, sich nicht zu be­un­ru­hi­gen. Wer­wöl­fe wird es nicht geben: Jetzt ist nicht das Jahr neun­zehn­hun­dert­acht­zehn, es reicht! Dies­mal wer­den sie sich nicht ver­wan­deln und nicht wie­der­keh­ren.

9. April 1945

* im Ori­gi­nal deutsch – Anm. d. Übers.

Über­set­zung aus dem Rus­si­schen: C. Man­ne­witz
[erst­mals in „Praw­da“, 9. April 1945]

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