Europas linksdeutscher Puls

Über „Pulse of Europe“ wurde bereits einiges geschrieben, manche Worte wurden darüber verloren. Nun hat einer unserer Genossen eine Veranstaltung in Konstanz am Bodensee besucht, um sich selber ein Bild zu machen. Vieles war erwartbar, manches nicht. Im wesentlichen sticht eines hervor: linksliberale Deutsche, selbst die mit den besten Absichten, bleiben Deutsche.

Und wenn sie sich an ihre alte Zeit in der Bewegungslinken erinnern, vollziehen sie manchmal Manöver, die jenseits von allem sind, was der gute Geschmack erträgt. Die Hoffnung, dass sich das auf „We are the World, we are the people“-Vergleiche beschränkt und sonst alles einem zumindest halbwegs rationalen Rahmen folgt, wird nicht erfüllt. Wenn der Deutsche etwas macht, macht er es schon richtig. Und je tiefer man dabei sinken kann, desto begeisterter macht er mit.

Doch ganz von Anfang an: „Pulse of Europe Konstanz“ veranstaltete am 2. Juli ein Sommerfest in einem Wald in der Nähe der Stadt. Dort auf einer größeren Lichtung ist eine Gastwirtschaft. Das Publikum ist zwischen 50 und 60 oder zwischen 35 und 45, dann allerdings fast automatisch mit Kindern. Es gibt EU Luftballons, EU-Fähnchen, große EU-Fahnen die an der Wand hängen.

Das Wetter ist nicht gut, dennoch spielt eine Jazzband für die etwa 200 anwesenden Menschen. Es werden Liedzettel verteilt. Man hat mehrere bekannte Lieder umgedichtet, es geht in diesen Liedern jetzt darum, wie weltoffen und fantastisch Konstanz und Europa sind. So wird der Klassiker „Für mich soll´s rote Rosen regnen“ umgedichtet in „Für mich soll´s off´ne Grenzen geben“.

Nachdem man gemeinsam „Farwell Brittania – Du gehst fort“ gesungen hat, dürfen zwei junge Menschen offensichtlich akademischen Ursprungs uns ihre Liebe zu Europa mitteilen. Der junge Mann – es sind ein Mann und eine Frau -, darf beginnen. Er berichtet vom typischsten aller Probleme, was jeden EU-Skeptiker eigentlich sofort davon überzeugen müssten wie toll die EU ist, wenn man den Pass eines Mitgliedslandes hat. Er berichtet von einer Reise über die Meerenge von Gibraltar und wie er von Marokko nach Spanien getrampt ist. Dabei ist dem jungen Mann zum ersten mal in seinem Leben aufgefallen, dass nicht jeder nach Europa darf, denn Afrikaner wurden an der Grenze aus ihren Verstecken in Lastern etc. gezogen. „Dieses Europa“ sagt der junge Mann, kann er gar nicht leiden. Die Leute klatschen begeistert.

Nachdem der junge Mann uns alle eine Weile weiter beleidigt hat, da wir offensichtlich von der Arbeitskraft anderer, schwächerer, Marktteilnehmer auf er Welt profitieren, – diese Publikumsbeschimpfung wird ebenfalls frenetisch bejubelt – äußert sich die junge Frau zum Thema „Europa“. Auch sie hat ihre Bedenken, da Europa Flüchtlinge in „KZ-ähnliche Lager“ stecken würde (großer Beifall). Neben der Verfolgung der Roma belastet die junge Frau besonders die grassierende Islamophobie: „Ich mag kein Europa, was der Muslima ins Gesicht spuckt“. Diese Aussage löst ebenfalls Emotionen aus, die an einen Ostberliner Parteitag erinnern. „Entschuldigt, dass wir die Kritik an Europa nicht den Rechtspopulisten überlassen wollen“ endet der junge Mann scheinheilig seine Rede. Ich bin dankbar, dass es vorbei ist. Andere sind offensichtlich stark berührt von den spannenden Thesen, die wir vernehmen durften.

Zum Glück hat meine Begleitung keine Lust mehr und ich kann gehen. Aber eines konnte ich zumindest klären: unabhängig davon wie diese Bewegung in Deutschland sonst sich äußert, im südlichsten Südwesten ist sie – wie immer – ein Hort der jammernden, linksliberalen, oberen Mittelschicht.

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