Blumen auf den Weg gestreut

Nach dem schmerzhaften und Jahrzehnte lang andauernden Schuldkomplex der Opferdeutschen, kommt – nach „Der Untergang“ und „Unsere Mütter, unsere Väter“ – nun endlich eine lustige Auseinandersetzung über die Lasten der Erbschuld in die Kinos. Der Film „Die Blumen von Gestern“ zeigt wie die Themen Holocaust, Liebe und Sinnsuche zu einem heiteren pädagogischen Kinoerlebnis für die ganze Familie verschmolzen werden. Totila Blumen, der Protagonist der Geschichte, ist ein verkrampfter Holocaust-Forscher, der überhaupt keinen Spaß versteht. Da sein Großvater bei der SS diente, fühlt sich Totila schuldig und gerät in eine Sinnkrise. Was liegt da näher als ihn mit der Enkelin einer in Ausschwitz ermordeten Jüdin auf eine Reise in die gemeinsam durchlittene Vergangenheit zu schicken (sein Großvater hat ihre Großmutter ins Gas geschickt). Der Trailer zum Film gipfelt schließlich in einer versöhnlichen Szene: beide, die Jüdin und der Deutsche, liegen sich in den Armen und sie sagt die Worte, die den Sinn des Films festschreiben: „Ich liebe deine Geschichte, weil es meine Geschichte ist.“1

Der Regisseur Chris Kraus, der nebenher natürlich Hobby-Holocaust-Forscher ist, zog die Inspiration für das von ihm verfasste Drehbuch selbstredend aus seiner eigenen Familiengeschichte und den zahlreichen Versöhnungsgeschichten von jüdischen Opfern und deutschen Tätern. Dieses Meisterwerk deutscher Geschichtsaufarbeitung in Komödienform ist durch den „[…] Wunsch, etwas über die Verletzungen des Holocaust zu schreiben, die heute noch in uns wüten“ motiviert. Und weiter: „Im Augenblick erleben wir furchtbare Zeiten, in Syrien, in Libyen. Man hat fast den Eindruck, die halbe Welt brennt.“ Alles in allem ist Kraus also ein Therapeut am deutschen Volkskörper für den neben der Frage: „Die Zeitzeugen verschwinden, durch Immigration wandelt sich unser Land. Wie erreicht man Jugendliche, deren Vorfahren gar nicht von hier kommen?“ vor allem eines wichtig zu sein scheint: „[…] in einem Land, das ein erhebliches rechtes Wählerpotential bekommen hat, trotz aller Erinnerungsmantras, glauben auch in Fachkreisen immer weniger Wissenschaftler daran, dass das auf Dauer funktionieren kann. Weil das ständige Wiederkäuen von Lehrsätzen niemanden mehr innerlich berührt.“2

Diese filmische Neubetrachtung der Shoa, in der die Heiterkeit einer Jüdin das verkrampfte Deutschland aus seinem Trauma erlöst, dient natürlich Höherem. Und so wurde der Film bereits mit zahlreichen Lorbeeren aus dem südwestlichsten aller Bundesländer überhäuft, wo er teilweise auch gedreht wurde. Neben dem „Thomas-Strittmatter-Drehbuchpreis der MFG Filmförderung Baden-Württemberg von 2013“ wurde der Film mit „Baden-Württembergischer Filmpreis in der Kategorie besten Spielfilm 2016“ ausgezeichnet. Denn der Triumph, unverkrampft – aber pädagogisch Wertvoll – auf die eigene Geschichte blicken zu können, macht einen Film in Deutschland „besonders wertvoll“.3

  1. http://die-blumen-von-gestern.de/trailer.php [zurück]
  2. http://die-blumen-von-gestern.de/interview-chris-kraus.php [zurück]
  3. http://www.fbw-filmbewertung.com/film/die_blumen_von_gestern [zurück]

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