Die Erben Dimitrovs

Antifaschismus im Südwesten

Blickt man auf die Berufsrevolutionäre im Südwesten, stellt man einen politischen Stillstand fest, der sich nur durch eine hartnäckige, narzisstische Ignoranz erklären lässt. Das immergleiche Gerede von der „revolutionären Perspektive“, die es zu schaffen gelte, versetzt jeden, der so viel Langeweile nicht gewohnt ist, direkt in ein Wachkoma. Homepages und blogsport-Seiten verbreiten die frohe Kunde der Revolution, die jedoch nur ein trauriger Abklatsch alter Leninzitate ist und deren Pathos den inhaltslosen Tatendrang preisgibt, dem sich die roten Revolutionäre mit Haut und Haaren verschrieben haben. Zentral für den Stillstand der südwestdeutschen Antifa ist – und das ist ganz bestimmt kein Alleinstellungsmerkmal – die ungebrochene Liebe zur Dimitrov-These.
Bekanntlich stellte Georgi Dimitrov 1935 auf dem VII. Weltkongress der Komintern eine Faschismusanalyse vor, die damals schon nicht zutraf. Darin wird der Faschismus als „die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“ (1) beschrieben. Wenn die bürgerliche Demokratie im Kapitalismus in die Krise gerät, suche sich die herrschende Bourgeoisie „immer mehr ihre Rettung im Faschismus, um die schlimmsten Ausplünderungsmaßnahmen gegen die Werktätigen durchzuführen“ (2). Alle Ursachen des Faschismus werden auf den Kapitalismus reduziert und die konkreten Auswirkungen treffen primär die „werktätigen Massen in Deutschland“ (3). Die These Dimitrovs empfing die linke Internationale wie Moses die Zehn Gebote. In Stein gemeißelt gehört sie heute noch zum Elend linker Theoriebildung. Wer seinen antifaschistischen Tatendrang begründet wissen will, schaut entweder direkt in die Zehn Gebote Dimitrovs oder sucht sich einen beliebigen Antifablog im Ländle aus. Wir lernen beispielsweise bei der Antifaschistischen Aktion Aufbau Stuttgart: „Faschismus bedeutet – materiell betrachtet – eine extreme Steigerung kapitalistischer Phänomene, wie Ausbeutung, Unterdrückung, Leistungszwang usw. und erfüllt Funktionen, die dem kapitalistischen System insbesondere in Zeiten tief greifender Krisen sehr nützlich sind – wie die Zerschlagung von Gewerkschaften und links oppositionellen Strukturen, die in eben solchen Krisenzeiten eine hohe gesellschaftliche Relevanz entwickeln können.“ Folgerichtig wird der Nationalsozialismus im nächsten Abschnitt relativiert und auf das beschränkt, was in der DDR zum Gründungsmythos gehörte: „Das beste Beispiel ist der Nationalsozialismus, also die spezifisch deutsche Ausprägung des Faschismus, innerhalb dessen als erstes alle oppositionellen politischen Kräfte verboten wurden, folglich die Opposition in die Illegalität gehen musste. Die ersten, die in Arbeits- und Konzentrationslagern gefoltert und ermordet wurden, waren KommunistInnen, SozialistInnen und sonstige politische WiderständlerInnen.“ (4) Auch in Villingen-Schwenningen ist der Zeiger stehen geblieben. In ihrer Gründungserklärung findet sich eine „Knappe Analyse“ zum Faschismus, die keine Wünsche offen lässt: „Wir begreifen den Faschismus als Ideologie, die die extremste und reaktionärste Form der Klassengesellschaft darstellt. Der Faschismus als Staatsform stellt keinen grundsätzlichen Bruch mit der bürgerlichen Gesellschaftsordnung dar, vielmehr greift er dort vorhandene Versatzstücke wie Rassismus, Sozialchauvinismus und Nationalismus auf und treibt sie ins Extreme.“ (5) Die Antifa in Freiburg spricht vom Staat als fiesem Gegenspieler, der die liebe „revolutionäre Perspektive“ verunmögliche, weshalb „der bürgerliche Staat auch immer wieder mit faschistischen Bewegungen zusammen“ arbeite um „die Gefahr einer revolutionären Umwälzung von links“ (6) zu vermeiden.
Wo man die Mythen der warenförmigen Gesellschaft nicht zur Aufklärung treibt, verkommt die Kapitalismuskritik zu einer Regression, die bekämpft werden muss. Das personifizierte Kapital gab „Antikapitalisten“ jeder Couleur schon seitjeher Anlass zum Pogrom. (7) Antifaschisten, die den Faschismus noch im 21. Jahrhundert allen Ernstes als eine vom Staat bzw. der Bourgeoisie eingesetzte Macht zur Abwehr ihrer nichtigen „revolutionären Perspektive“ auffassen, sind als unverbesserliche Narzissten zu denunzieren. Einer Analyse nachzuhängen, die nicht nur falsch, sondern auch regressiv ist, birgt nicht selten die Gefahr selbst zur Regression zu werden. So verwundert es nicht, dass auch die braunen Kameraden des „Antikapitalistischen Kollektivs“ eine ähnliche Analyse bereithalten. Sie planen „umfassend gegen die Symptome und die kapitalistische Bedrohung an sich vorzugehen. Wir wollen die Komplexität dieses Systems aus Unterdrückung, Ausbeutung und Zerstörung nicht nur benennen, sondern uns den einzelnen Protagonisten und Akteure aktiv entgegen stellen.“ (8)
Theoretisch steht die rote Antifa im Südwesten mit einem Fuß in der Querfront – ihr Dasein und Wirken ist nur noch Selbstzweck. Damit ist der süddeutsche Antifaschismus vor allem eins: deutsch.

Antideutsche Aktion Baden

(1)http://www.marxists.org/deutsch/referenz/dimitroff/1935/bericht/ch1.htm#s1
(2)Ebd.
(3)Ebd.
(4)https://www.antifa-stuttgart.org/standpunkte/
(5)https://antifavs.noblogs.org/grundungserklarung/
(6)http://www.antifaschistische-linke.de/PDF/2011-12-10-flugblatt.pdf
(7) Vgl. Scheit, Gerhard: Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus, Freiburg 2006, S. 14: „Für den Antisemitismus ist das Moment der Verkörperung eine Schlüsselfrage. Mögen seiner Phantasie nun Gottesmörder oder Wucherer, schöne Jüdinnen oder ewigen Juden, Ritualmörder oder raffende Kapitalisten entspringen – sie ist stets vom selben Wunsch besessen: das Unheimliche des abstrakt gewordenen Reichtums, das ‚sich selbst vermehrende‘ Geld, zu personifizieren.“
(8)http://www.antikap.org/?page_id=22

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