Willkommen im Berliner Zoo

English version see below.

Der Zoologische Garten ist der älteste Zoo Deutschlands und zugleich der artenreichste der Welt. Seine gesamte Geschichte über war er eine der größten Attraktionen Berlins und genoss weit über die Stadt hinaus einen guten Ruf. An diesem Erfolg hatten insbesondere die Berliner Juden einen großen Anteil: Von den 4000 Aktionären der Zoologischer Garten Berlin AG waren vor dem Nationalsozialismus 1500 Juden. Mit der Arisierung war es ihnen ab 1938 nicht mehr möglich, ihre Aktien zu vererben oder weiterzuverkaufen – sie konnten sie lediglich zu Schleuderpreisen dem Zoo übertragen. Ihnen war es ab diesem Jahr auch verboten, den Zoo zu betreten.

Wie so viele andere deutsche Unternehmen hat auch der Zoo lange gewartet, zu diesem Teil seiner Geschichte Stellung zu beziehen. Die kläglichen Versuche des Zoos, sich mit seiner Vergangenheit auseinanderzusetzen, kamen außerdem viel zu spät und beliefen sich auf eine Gedenktafel am Antilopenhaus und ein zum Thema erschienenes Buch über den Zoo im NS, das vom Zoo mitfinanziert wurde. Dieses Buch von Monica Schmidt, das auf einer 2001 in Auftrag gegebenen Studie basiert, macht deutlich, dass der Zoo seine jüdischen Aktionäre aus freien Stücken aus ihrer Position verdrängte. Es hätte zum Anlass genommen werden können, sich weiter mit dem Thema zu befassen, stattdessen war für Andreas Knierim, Chef des Zoos, mit Erscheinen des Buches das Thema wohl erledigt. In seiner Rede anlässlich der Verlegung eines Stolpersteins in Wilmersdorf für die Tochter jüdischer Anteilseigner erwähnte Knierim den Nationalsozialismus nicht einmal; er erzählte lediglich davon, wie sehr Hilde Singer den Zoo geliebt habe. Kein Wort darüber, dass diese Liebe mit der Arisierung des Zoos endete, kein Wort darüber, dass ihre Familie in Auschwitz ermordet wurde.

In der BRD hat es mittlerweile Tradition, zu diesem Thema pathetische Reden zu halten und sich in Bekenntnissen über die deutsche Schuld an der Shoah zu übertreffen. Doch all das wohlfeile Gerede von Verantwortung führt selten zu materieller Entschädigung. Solcherlei Forderungen werden schulterzuckend abgetan. Angefangen bei den viel zu niedrigen „Wiedergutmachungszahlungen“ der jungen Bundesrepublik an Israel, die wohlgemerkt aus politischem Kalkül und nicht aus einem schlechten Gewissen heraus geleistet wurden, mussten sich viele Opfer des deutschen Vernichtungswahns, wenn überhaupt, mit heuchlerischen Gesten und symbolischen Beträgen begnügen, was bei den Feiern zum 50. Jahrestags der israelisch-deutschen Beziehungen gerne unter den Tisch fallen gelassen wird. Man will sich den Stolz auf die eigene Aufarbeitungsleistung nicht verderben lassen durch das schnöde Geld, an dem es vielen der noch lebenden Holocaustüberlebenden mangelt. Man baut damit lieber Denkmäler.

Es gibt keine Wiedergutmachung für die Shoah, aber das darf keine Entschuldigung dafür sein, nicht einmal einen materiellen Ausgleich zu schaffen: Die Nachfahren der jüdischen Anteilseigner haben bis heute nichts von den Investitionen ihrer Eltern und Großeltern in den Zoo gesehen, diesbezügliche Anfragen an den Zoo wurden abgeblockt.

Wir fordern, dass die Zoologischer Garten Berlin AG und das an ihr beteiligte Land Berlin die Nachfahren der rechtmäßigen Anteilseigner ausfindig macht und ihnen eine angemessene Entschädigung zahlt – samt dem Wertzuwachs, den die Aktie durchlaufen hat. Momentan ist die Aktie etwa 4000€ wert, mindestens diese Summe wäre also angemessen. Für ein millionenschweres Unternehmen wie den Zoo sollte das kein Problem darstellen.


Welcome to the Berlin Zoo

The Berlin Zoo is Germany’s oldest zoo and it offers the largest variety of species worldwide. From its opening in 1844 until today it was one of the biggest attractions in the city and the region. Jews in Berlin had a great deal to do with this success: 1500 of its 4000 shareholders before National Socialism were Jews. When the „Aryanization“ started in the 30’s, Jews were forbidden to pass on their shares. They were also not allowed to sell their shares to anyone except to the zoo. From 1938 they were banned from entering the zoo altogether.

Like many German companies, it took the zoo far too long to even comment on this part of their history. The pathetic attempts to deal with this topic amounted to a commemorative sign put up at the „Antilopenhaus“ and a book about the Zoo during NS, co-financed by the zoo. This book by Monica Schmidt shows that the zoo deliberately pushed Jews out.
It could have been a start for a debate about the Berlin Zoo during Nazism. Instead, the director of the zoo Andreas Knierim seems to think that there is nothing more to say. In his speech at the inauguration of a memorial stone („Stolperstein“) for Hilde Singer, daughter and niece of Jewish shareholders, he didn’t even mention National Socialism, nor did he talk about them having been murdered in Auschwitz. His only topic was Hilde’s love for the zoo. Not a word on how that love was brutally ended with German extermination politics, as were the lives of her family.

Traditionally, Germans excel in giving dramatic speeches on their „historic responsibility“ because of the Holocaust. But all this cheap talk almost never leads to material compensation or support. Demands of this kind are usually just shrugged off. The insubstantial „reparations“ to Israel, that were as a matter of fact agreed to by Germany out of economic considerations, not out of a true bad conscience, are just one example. Many of the German’s victims received nothing but hypocritical sermons or symbolic payments, if any. This tends to be forgotten in the celebrations taking place this year, marking 50 years of diplomatic relations with Israel. It would just spoil all the self-congratulation to talk about vile money. The money is rather used to build yet another memorial instead of supporting the last remaining Survivors, many of whom are in need.

There can be no atonement for the Holocaust, but that is not an excuse for the refusal to financially compensate the victims: Jewish shareholders of the zoo have not seen a coin of the money their parents and grandparents invested. The zoo has until today blocked any attempts do deal with their claims.

We request the „Zoologischer Garten Berlin AG“ and the state of Berlin to find the remaining rightful shareholders and their descendants to pay them an appropriate reimbursement, including the capital gain of the shares. A sum of at least 4000€ seems appropriate, which is the approximate value of the shares today. This shouldn’t pose a problem for a business worth millions like the Berlin Zoo.

Junges Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Berlin und Antideutsche Aktion Berlin im Juni 2015