Wir wissen, was Sie im letzten Frühjahr getan…

Vor einem Jahr gab es in Berlin-Weißensee eine breite Hetzkampagne von Mittelstandsmuttis und –vatis, die sich partout dagegen wehren wollten, dass in ihrem Kiez Menschen die Möglichkeit auf eine zweite Chance eingeräumt werden sollte. Aus diesem Anlass nochmal eine kleine Antwort an Sie.

Hallo Claudia „Mutter“ Langhans (28), Norbert Koch-Klaucke und andere Freunde der verfolgenden Unschuld!

Es ist vielleicht nicht schön, mit 28 Jahren Mutter in Weißensee zu sein. Da muss man dauernd Kuchen für blöde Kitafeste backen, alberne Kindertheatervorführungen bejubeln und zu allem Überfluss auch noch nebenbei arbeiten, weil „man sich diese Selbstständigkeit bewahren“ will. Man plagt sich eigentlich nur ab, ob bezahlt oder unbezahlt, ist nur insofern relevant, dass das eine immerhin einen neuen Pulli, das andere aber nur Babysabber auf dem neuen Pulli bringt. Du weißt, dass du dir von deiner Mutterliebe nichts kaufen kannst. Das schöne Leben und die duften Typen sind woanders als in deiner Dreizimmerwohnung auf dem Sofa. Das ist einfach ungerecht. Und außerdem hast du Zweifel daran, ob deine Nachbarn wirklich auf deiner Seite sind, wenn es um die Verhinderung von einem Reintegrationshaus in eurer Gegend geht. Die etwas betreten zur Seite schauenden Blicke, bevor man dich dann doch grüßt und die, die einfach nicht dabei mitmachen wollen, lassen dich das annehmen.

Und es gibt Gründe dafür. Weil jeder eine zweite Chance verdient hat. Dass jemand, der einmal straffällig geworden ist, nicht reintegriert werden soll, verweigert ihm jede Form des normalen Lebens. Claudia verweigert es ihm. Dass jemand, bloß weil er Medikamente nehmen muss, um seinen Alltag bewältigen zu können, eine Gefahr darstellt, ist ein Gerücht. Wer hat nicht die kleinen Helferlein, die einem den Alltag erleichtern, vom Kaffee am Morgen über die Kopfschmerztablette bis hin zu den Einschlaf- und Stimmungshilfen? Nur weil die Krankheit oder die Beeinträchtigung weiter von dem, was als normal gilt, abweicht, heißt das nicht, dass jemand, der medikamentös seine Aggressionen behandelt, durch die Medikamente nicht ein normales Leben führen kann. Wer kennt nicht ein Kind, das mit Ritalin funktionsfähig gehalten wird- obwohl man darüber sehr wohl streiten kann?

Was bringt also jemanden dazu, über andere Menschen das Verdikt auszusprechen, dass sie nie mehr ein normales Leben führen dürfen, obwohl objektiv alles dafür spricht? Was bringt jemanden dazu, andere Leute ebenfalls aufzuhetzen und sie so der Peinlichkeit auszusetzen, entweder als ein guter Nachbar zu erscheinen oder ein Außenseiter? Denn wer sich eurem Mob widersetzt, wird skeptisch von allen anderen betrachtet. Deshalb die ausweichenden Blicke, liebe Claudia. Denn obwohl die, die wissen, dass ein bürgerlicher Staat etwas Besseres als ein Lynchmob ist, die wissen, dass unsere Gesellschaft eine zweite Chance denen gewährt, bei denen Aussichten bestehen, dass sie ein normales Leben führen wollen/können und die auch wissen, und dass da keine Serienmörder und pathologische Kinderschänder freigelassen werden sollen- werden sie dir nicht ins Gesicht sagen, was sie von deinem Großinquisitoreifer halten. Denn sie wissen, dass du wie ein Inquisitor denkst und sie bei dir sofort als Täterschützer gelten, wenn sie nur darauf hinweisen, warum es Gesetze gibt. Wenn sie sagen, dass jemand krank ist, dass ein Fehler in seinem Hirn Schuld ist, bestätigt das nur deine Auffassung der Gemeingefährlichkeit dieser Menschen und du ignorierst die Möglichkeit, dass ein physiologischer Fehler auch durch eine physiologische Intervention –das Einnehmen von Medikamenten- beseitigt werden kann. Das ist in etwa so, wie wenn du deinem Kind ein Medikament verweigerst, obwohl es ernsthaft krank ist.

Allen Einwänden, die man dir entgegen bringt, setzt du nur automatisiert „aber doch nicht hier“ entgegen. Und der Gegenüber schweigt, nicht, weil er dir Recht gibt, sondern weil er weiß, dass du damit meinst, dass es nirgendwo passieren soll. Denn du kannst überall darauf zählen, dass es ein oder zwei wie dich gibt, die im Namen der Unschuld, die vernichten will, mit dem Finger auf die Menschen zeigen, die schwächer sind als du. Denn du hast kein Erbarmen mit anderen Menschen und zeigst Toleranz nur da, wo dir wirklich alles egal ist. Das Gute ist nur: es sind immer nur ein paar wenige, die wie du aufstacheln, und bereiten den anderen damit das oben genannte Unbehagen.

Denn die Claudias dieser Welt haben niemals wirklich die Mehrheit hinter sich, sondern nur die, die nichts sagen, weil sie Angst vor der Inquisition haben. Für die gibt es aber eine gute Nachricht: ihr seid der Großteil. Ihr wisst, dass eure Kinder weder geklaut noch angezündet werden, wenn ein ehemaliger Kleptomane oder Pyromane in den offenen Vollzug geht. Ihr wisst auch, dass dieser streng geregelt ist und es sofort registriert wird, wenn Fehlverhalten auftritt, und ihr wisst auch, dass das streng bestraft wird. Ihr könnt zwischen „Tatort“ und der Realität unterscheiden. Die Claudias können es nicht. Und ihr erinnert euch vielleicht an die unangenehmen Geschichten von den kleinen Dörfern weit außerhalb der Stadt. Eure Eltern hatten vielleicht auch Angst vor den Claudias, und sie konnten nicht aus der Dorfgemeinschaft weg. Ihr könnt es aber und ihr habt es sogar getan, als ihr nach Berlin gezogen seid. Ihr wisst selbst, wie scheiße so ein Verhalten ist.

Wir rufen deshalb die auf, die nicht blind vor Hass auf sich und die ganze Welt sind, sich gegen diese Bürgerinitiative zu positionieren, denn diese ist kein lobenswertes Engagement, sondern nichts als blindes Dreinschlagen und Vernichtenwollen. Wollt ihr wirklich euch hinterher dafür schlecht fühlen, weil ihr jemanden ungerecht behandelt habt, nur weil die Claudias es so wollen? Wollt ihr wirklich in einer Gesellschaft leben, in der jedes Vergehen mit einem sofortigen Ausschluss aus der Gemeinschaft wie in den ersten Jahrhunderten nach unserer Zeitrechnung geahndet wird? Wollt ihr wirklich euch der Gefahr aussetzen, dass ihr der Nächste seid, sobald diese Spielwiese für die Claudias weg ist und sie jetzt etwas an eurer Vorgartenpflege oder der Läuseerkrankung eurer Kinder auszusetzen hat? Wollt ihr wirklich brutal eure Kinder instrumentalisieren und als Argumente ins Feld schicken, weil die nun mal am schutzbedürftigsten erscheinen, damit die Claudias ihr Ressentiment ausleben können? Oder habt ihr noch einen Rest Mitmenschlichkeit, der sich nicht völlig den Fakten verschließt? Wir können euch die Fragen nicht beantworten. Das müsst ihr selbst tun.

Und, Norbert Koch-Klaucke, wir wissen, dass du über die Runden kommen musst und sich Angst schürende Artikel nun einmal gut verkaufen. Das macht dich zwar zu einem Verbreiter der Botschaften der Claudias aus Weißensee, aber eigentlich bist du ein armes Würstchen, und deshalb kommst du hier nicht weiter vor.

Wenn man die Geschichte erforscht, nicht in den gereinigten Ausgaben, die für Volksschulen und Gymnasien veranstaltet sind, sondern in den echten Quellen aus der jeweiligen Zeit, dann wird man völlig von Ekel erfüllt, nicht wegen der Taten der Verbrecher, sondern wegen der Strafen, die die Guten auferlegt haben; und eine Gemeinschaft wird unendlich mehr durch das gewohnheitsmäßige Verhängen von Strafen verroht, als durch das gelegentliche Vorkommen von Verbrechen.Oscar Wilde